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Gemeinden
Biodiversität
Fachartikel

«Vernetzung wirkt, wenn sie lokal verankert ist»

Ein Mann erklärt einer Gruppe von anderen Männer, die in grüner Landschaft stehen, etwas und zeigt dabei auf Pflanzen.

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6 Minuten Lesezeit

Biodiversität

Fachartikel

Naturschutz endet nicht an Gemeindegrenzen. Arbeiten Gemeinden zusammen, entstehen vernetzte Lebensräume, stabile Finanzierungen und wirkungsvolle Umsetzungen. Jennifer Zimmermann, Leiterin des Pusch-Projekts zur Verbreitung von regionalen Naturnetzwerken, zieht Bilanz zum Abschluss nach neun Jahren: Welche Erfolge bleiben, wo hakte es und welche Schritte empfehlen sich jetzt für Gemeinden? 

Jennifer, warum lohnt sich regionale Zusammenarbeit?

Jennifer Zimmermann: Naturräume machen nicht an Gemeindegrenzen halt. Wenn Gemeinden zusammenarbeiten, entstehen vielfältige Synergien: Lebensräume können besser vernetzt, Ressourcen gebündelt und grössere Projekte gemeinsam realisiert werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Naturnetz Pfannenstil, das seit mehr als 25 Jahren erfolgreich überkommunal tätig ist und als Vorbild für das Pusch-Projekt zur Verbreitung der regionalen Naturnetze diente. 

Die Vernetzung über kommunale Grenzen hinweg dient einerseits direkt der Biodiversität, aber auch einer effizienten Zusammenarbeit von Gemeinden. Gemeinsam können Gemeinden grössere Projekte verwirklichen und gleichzeitig die einzelnen Verwaltungen entlasten. Plant jede Gemeinde allein, entstehen Lücken. Gemeinsam lassen sich Korridore schaffen, Verantwortungen teilen und Ressourcen bündeln. Kurz: Regional denken, lokal handeln.

«Ein Naturnetz schafft eine übergreifende Organisationsform, übernimmt die Koordination und Administration und wirkt dadurch motivierend für Beteiligte.»

Jennifer Zimmermann, ehemalige Leiterin Gemeindeangebote, Pusch

Was ist der Vorteil eines Netzwerks im Gegensatz zu punktueller regionaler Zusammenarbeit?

Bei punktueller Zusammenarbeit fehlt die Infrastruktur: kein Backoffice, keine klare Koordinationsstelle und damit keine personelle oder finanzielle Absicherung für die Abstimmung über Gemeindegrenzen hinaus. Gleichzeitig sind Gemeindeverantwortliche stark eingespannt und Biodiversitätsthemen stehen oft hinten an. Kurz: Es fehlt die Zeit, um Zusatzprojekte zu managen. Genau hier setzt ein Naturnetz an: Es schafft eine übergreifende Organisationsform, übernimmt Koordination und Administration und wirkt dadurch zugleich motivierend für Beteiligte. 

Projekt: Regionale Naturnetzwerke

  • Laufzeit: 2017 bis 2025 

  • Ziel: Aufbau regionaler Strukturen zur Vernetzung von Lebensräumen, Koordination von Massnahmen und langfristige Sicherung von Unterhalt und Finanzierung. 

  • Pilotregionen: Knonauer Amt, Zimmerberg, Adret+, Sursee-Mittelland, Umgebung Sion, Aarau, Greifensee-Glatt, Zürcher Oberland 

Neun Jahre hat sich Pusch für die Bildung regionaler Netzwerke eingesetzt. Was war genau das Ziel?

Das Projekt verfolgte mehrere eng verknüpfte Ziele: regionale Trägerschaften aufzubauen, die Vernetzung von Lebensräumen koordiniert voranzutreiben, konkrete Massnahmen in den Regionen anzustossen und langfristige Unterhalts- und Finanzierungswege zu sichern. Wir wollten aber auch unterschiedliche Organisationsformen erproben – von informellen Allianzen bis zu formellen Trägerschaften – um praxistaugliche Modelle für andere Regionen zu entwickeln und unsere Erkenntnisse systematisch zu dokumentieren und zu verbreiten.  

Was sind die sichtbarsten Erfolge des Projekts?

Wir konnten mit anstossen, dass in mehreren Pilotregionen Strukturen für die überregionale Koordination von Projekten geschaffen wurden oder aktuell im Entstehen begriffen sind. Teilweise wurden bereits erste Massnahmen realisiert. Regionen wie Zimmerberg, Knonauer Amt, Adret+, Sursee-Mittelland, Umgebung Sion und Aarau haben die Aufbauphase abgeschlossen und befinden sich zum Teil bereits in der Betriebsphase. 

Welche Aufgabengebiete eignen sich gut für die Anfänge eines neuen Netzwerks?

Für den Einstieg sind in der Betriebsphase Massnahmen sinnvoll, die schnell sichtbar werden und einen klaren Nutzen stiften. Dazu gehören zum Beispiel:

  • das koordinierte Management invasiver Neophyten,

  • die regionale Förderung von seltenen und bedrohten Arten oder

  • gemeinsame Sensibilisierungsaktionen und Naturschutzeinsätze für die Bevölkerung.

Solche Projekte schaffen Glaubwürdigkeit, erhöhen die Motivation und erleichtern es, weitere Partner:innen zu gewinnen. Aber auch für überkommunale Planungsprojekte wie beispielsweise die Ökologische Infrastruktur oder Siedlungsökologiekonzepte bietet die regionale Zusammenarbeit viele Vorteile. 

Die 6 wichtigsten Bausteine für ein funktionierendes Naturnetz

  1. Übersichtliche und realistische Raumgrössen 

  2. Eine gemeinsame, klare Zielsetzung und politischer Rückhalt 

  3. Eine geeignete Organisationsform mit definierten Rollen und Entscheidungswegen  

  4. Verlässliche und vorausschauende Finanzierung  

  5. Die Beteiligung aller relevanter Akteur:innen – gute Einbindung und Kommunikation  

  6. Für verbindliche Ziele: eine feste Verankerung des Auftrags in den Planungsinstrumenten 

Gab es Regionen, wo es schwieriger war?

Ja. In einigen Regionen führten unterschiedliche Vorstellungen über mögliche Trägerschaften oder die inhaltliche Ausrichtung zu Verzögerungen. In den Räumen Greifensee und Zürcher Oberland konnten sich bisher nicht alle Gemeinden auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Teilweise schlossen sich Gemeinden bestehenden Naturnetzen an, teilweise entschieden sich potenzielle Trägerschaften dagegen, ihren Aufgabenbereich auf das Management eines Naturnetzes auszuweiten. Dennoch haben die Diskussionen wichtige Impulse ausgelöst: Neue Optionen werden geprüft und Gespräche über alternative Trägerschaften und Gründungsmodelle laufen weiter. 

Wie lässt sich die Finanzierung sichern?

Die Finanzierung sollte frühzeitig geklärt werden. Neben Beiträgen der Gemeinden können kantonale oder nationale Fördergelder sowie projektbezogene Drittmittel eine wichtige Rolle spielen. Bewährt hat sich eine Kombination aus einem stabilen Sockelbeitrag und zusätzlichen Mitteln für spezifische Projekte. Klare Vereinbarungen zwischen den beteiligten Gemeinden schaffen Planungssicherheit. 

Leitfaden: Biodiversität gemeinsam in der Region fördern

Gefällt Ihnen die Netzwerk-Idee und Sie möchten mit den Gemeinden in Ihrer Region für mehr Artenvielfalt zusammenarbeiten? Detaillierte Informationen zu den Vorteilen eines Netzwerks, seinen Grundlagen, Bausteinen und Tätigkeitsfeldern sowie zum Gründungsprozess finden Sie im Leitfaden «Biodiversität gemeinsam in der Region fördern».

Welche Phasen sind entscheidend, wenn Gemeinden ein regionales Netzwerk aufbauen möchten?

Erfolgreiche Netzwerke entstehen in mehreren Schritten. Zuerst steht die gemeinsame Zielvorstellung und die Mobilisierung engagierter Akteur:innen im Fokus. In der nächsten Phase wird eine geeignete Trägerschaft festgelegt, etwa ein Verein oder ein bereits bestehender Zweckverband (etwa für Regionalplanung oder Standortförderung). Anschliessend folgt der konkrete Aufbau: die Festlegung der Funktionsweise und die Einrichtung der Geschäftsstelle. In der Betriebsphase geht es dann darum, gemeinsame Massnahmen und Projekte zu planen und umzusetzen und die Strukturen und Finanzierung langfristig zu sichern. Ziel ist, dass das Netzwerk auch über politische Zyklen hinweg stabil bleibt. 

Was sind die wichtigsten Learnings für die Praxis?

Starten Sie klein, sichern Sie früh die Finanzierung und identifizieren Sie Befürworter:innen wie auch mögliche Kritiker:innen bereits in der Auslegeordnung. Bei zu grossen Regionen wird die Konsensfindung schwierig. Offizielle Strukturen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Umsetzungen folgen. Wo es nicht sofort zur formellen Trägerschaft reicht, sind informelle Kooperationen oder noch kleinere Raumgrössen ein guter Zwischenschritt. 

Welche Rolle hatte Pusch, und wie sollte externe Begleitung ideal laufen?

Pusch hat vor allem in der Initiierungsphase moderiert, Erfahrungen eingebracht und beim Stakeholder-Management unterstützt. Sobald regionale Arbeitsgruppen aktiv sind, sollte die externe Rolle auf Austausch und Vermittlung schrumpfen. Die lokale Übernahme ist entscheidend für Nachhaltigkeit.

Blick zurück: Was bleibt nach neun Jahren?

Es bleiben funktionierende Netzwerkansätze, erste Umsetzungen und ein grosser Fundus an Erfahrungswerten für die Zukunft. Vor allem aber bleibt die Erkenntnis: Vernetzung wirkt, wenn sie lokal verankert ist.

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