Auf zu Netto-Null!

Der Weg ist klar, der Wille vorhanden. Netto-Null gibt die Route vor. Hebel gibt es zum Glück viele. Nun müssen wir zügig aufbrechen.
Es gibt sie schon heute, die Lösungsansätze für eine klimafreundliche Schweiz: klimapositive Gebäude, CO2-freie Mobilität, klimafreundliches Essen, erneuerbare Energien, riesiges Sparpotenzial bei Elektrogeräten und viele mehr. Und es gibt ihn, den Willen, mit dem Klimaschutz ernst zu machen. Das Glarner Stimmvolk hat dies letztes Jahr an der Landsgemeinde bewiesen. Immer mehr Kantone, Städte und Gemeinden und auch die Economiesuisse, der Dachverband der Schweizer Wirtschaft, erarbeiten eigene Klimastrategien.
In der Zielsetzung ist man sich einig: Es muss Netto-Null sein. Das Ziel, der Wille und die Wege sind also vorhanden. Doch warum geht es dann nur so zögerlich voran? Ist das Ganze zu teuer? Ist es zu viel aufs Mal? Ist das Ziel zu abstrakt? Wie werden aus den Worten Taten?
Eine Bergtour in zwei Etappen
Der Bundesrat hat das Netto-Null-Ziel bis 2050 definiert. Netto-Null bedeutet, sämtliche Treibhausgas-Emissionen soweit zu senken, dass wir unter dem Strich nicht mehr produzieren, als durch die Natur oder Speichersysteme kompensiert werden kann. Dabei hat sich bei Bund, Kantonen und Gemeinden durchgesetzt, die Klimaziele in zwei Etappen aufzuteilen: In einem ersten Schritt soll die Verwaltung netto null Emissionen ausstossen, in einem zweiten Schritt die Gemeinde, der Kanton respektive die Schweiz als Ganzes. Die Bundesverwaltung und beispielsweise die Verwaltungen der Gemeinden Cham (ZG) oder Wil (SG) wollen sogar schon bis 2030 das Ziel von netto null Treibhausgas-Emissionen erreichen.
Was ist eigentlich Netto-Null?
Wie schaffen wir die erste Etappe? Um als Gemeindeverwaltung klimaneutral zu werden, braucht sie beispielsweise eine Energieversorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie und eine fossilfreie Wärmeversorgung. Gleichzeitig muss sie sich bei der Beschaffung sämtlicher Produkte und Dienstleistungen an ihren Klimazielen orientieren und diese auch beim Bau und der Sanierung von gemeindeeigenen Gebäuden und Infrastrukturen berücksichtigen.
Das längerfristige Ziel der zweiten Etappe, als ganze Schweiz – zusammen mit Bevölkerung und Wirtschaft – netto null Emissionen zu erreichen, verlangt viel weitergehende Veränderungen. Städte und Gemeinden können etwa über Mobilitätsangebote, die Raumplanung, finanzielle Anreize oder die Siedlungsentwicklung Einfluss auf den ökologischen Fussabdruck ihres Standorts nehmen. Die öffentliche Hand kann jedoch nicht alle Arten von Emissionen gleich stark beeinflussen. Gerade die Emissionen der lokalen Wirtschaft und der Bevölkerung durch ihren privaten Konsum liegen nicht direkt in der Hand der Entscheidungsträger:innen. Und trotzdem kommt der Gemeinde eine wichtige Rolle als Vorbild, als Unterstützerin und in der Sensibilisierung zu, damit auch die Emissionen von Privatpersonen und Unternehmen langfristig sinken.
2050? Nein, jetzt!
2050 – die Mitte des Jahrhunderts – scheint noch weit weg. Es dauert noch ein paar Jahre, bis die Klimajugend ins Midlife-Crisis-Alter kommt und die Millennials langsam in Rente gehen. In der Zeitrechnung von Gebäuden und Infrastrukturen, die eine Lebensdauer von 30 bis 50 Jahren oder sogar mehr haben, ist 2050 aber eigentlich schon morgen. Heutige Investitionen entscheiden darüber, wie unsere Klimabilanz in 30 Jahren aussieht. Deshalb reicht es nicht, fossile Energieträger und Infrastrukturen erst in 10 Jahren zu hinterfragen und in 20 Jahren zu ersetzen. Heute müssen sich Entscheide am Ziel von Netto-Null messen lassen – nicht erst 2050.
Klima- und Energie-Charta der Städte und Gemeinden
Das Klima-Bündnis Schweiz vereinigt die Schweizer Mitglieder des Klima-Bündnis Europa, ein Zusammenschluss von über 1800 Städten und Gemeinden in 27 europäischen Staaten. Gemeinsam verfolgen sie seit 1995 das Ziel, die sich abzeichnende Klimaerwärmung zu bekämpfen. Unterzeichnende der «Klima- und Energie-Charta der Städte und Gemeinden» bekennen sich zu einem engagierten und wirkungsvollen Klimaschutz.
Der Mix macht‘s
Einen Quick Fix für Netto-Null oder eine Musterlösung für die nächsten 30 Jahre gibt es leider nicht. Das schafft Unsicherheit. Häufig wird diskutiert, welche Technologien und Ansätze wohl die «richtigen» sind, welche sich durchsetzen und welche nicht zum Ziel führen. Welche Infrastrukturen müssen ausgebaut werden, welche sind nicht zukunftsträchtig? Machen Wasserstoff- oder Elektroautos das Rennen? Die Angst ist gross, alles auf ein Pferd zu setzen und in die «falschen» Lösungen zu investieren. Doch es wird nicht die eine Lösung geben, sondern einen Mix aus unterschiedlichen Technologien und Herangehensweisen: Erst die Kombination aus Antriebsarten, Technologien und Regulierungen wird es uns ermöglichen, die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 auf netto null zu senken.
Das Ziel ist für alle klar. Der Wille voranzuschreiten ist da. Und Routen bis zum Gipfel gibt es zum Glück viele. Brechen wir jetzt auf, um rechtzeitig anzukommen ̶ wir und unsere Nachfahren werden stolz sein, den Gipfel erklommen zu haben.
Der Artikel erschien im «Thema Umwelt» 1/2022 als Leitartikel.
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