Die Beschaffung neu denken

Muss es immer eine Neuanschaffung sein? Wie sieht überhaupt der Bedarf aus? Und lassen sich Bedürfnisse nicht auch anders decken? Es lohnt sich, diese Fragen zu klären und alternative Möglichkeiten auszuloten. Die Praxis zeigt, zu welch kreativen und ressourcenschonenden Lösungen Beschaffende oft kommen, wenn sie bereit sind, neue Wege einzuschlagen.
Steine aus China, Möbel aus Vietnam und Textilien aus Kambodscha – nur weil sie billig sind? Der Preis alleine darf heute als Argument nicht mehr ausreichen. Unser Konsumverhalten bringt den Planeten an seine Grenzen und die knapper werdenden Ressourcen lassen Rohstoffpreise in die Höhe schnellen. Neue Wege sind gefragt. Die Zeiten des linearen Denkens vom Produzieren, Kaufen, Gebrauchen, Entsorgen und Verbrennen müssen ein Ende finden. Rohstoffe sind zu knapp, ihre Preise zu volatil und die Verfügbarkeit zu unsicher, um sie nach Gebrauch einfach zu verbrennen. Es braucht ein zirkuläres Denken; Ziel muss sein, knappe Ressourcen zu schonen. Es braucht einen fundamentalen Paradigmenwechsel – nicht nur im privaten Konsum, sondern auch bei der öffentlichen Beschaffung. Dann leisten wir damit auch einen wichtigen Beitrag, um das gefasste Netto-Null-Ziel zu erreichen.
Ist Kreislaufwirtschaft die Lösung?
Einfach ist es nicht. Beschaffende sind heute stark gefordert. Einkäufe sollen nach wie vor günstig, ökologisch und sozialverträglich sein und einen Beitrag zu den Klimazielen leisten. Und neuerdings, angesichts von Pandemie und Ukrainekrieg, soll die Beschaffung auch helfen, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Doch wie soll das gehen? Die Kreislaufwirtschaft bietet einen attraktiven Lösungsansatz. Sie hilft dabei, all diese Anforderungen zu erfüllen, indem sie den Ressourcenverbrauch mindern und die Produkte und Materialien möglichst lange und sinnvoll in Betrieb halten will. So sinkt die Umweltbelastung in der Herstellung und gleichzeitig wird die Langlebigkeit der Produkte gesteigert. Ist das nicht etwas zu viel versprochen? Ein Blick in die Praxis zeigt: keineswegs.
Die Kreislaufwirtschaft setzt auf verschiedene Pfade einer zirkulären Wirtschaft.
Aus alt mach neu
Randsteine aus China sind meistens günstiger als Schweizer Steine. Dafür ist das Risiko, damit Kinderarbeit zu unterstützen und unliebsame Insekten einzuführen, gross. Letztere schmerzliche Erfahrung musste die Stadt Winterthur machen. Die Steine brachten sehr teure Folgekosten. Mit der Lieferung wurde nämlich ein Schädling eingeführt, der anfing, die Stadtbäume zu zerstören. Während vier Jahren musste die Stadt die Käfer für 1,2 Millionen Franken aufwendig bekämpfen. Ein Umdenken kann helfen, die potenzielle Gefahr durch invasive Neophyten und Neozoen zu reduzieren. Für die Sanierung von Strassen und Plätzen lassen sich die bislang verwendeten Steine auch auffrischen. Im Tessin gibt es Steinverarbeiter, die Steine für den Wiedereinsatz aufbereiten. Im Prinzip nichts Neues: Die SBB arbeiten den fürs Bahntrassee verwendeten Schotter direkt vor Ort wieder auf (siehe Artikel «»).
Länger und günstiger
Mieten statt kaufen ist ein weiteres Stichwort: Dadurch steigt nicht selten die Langlebigkeit der Produkte, die von den Produzent:innen gewartet und in gutem Zustand gehalten werden – schliesslich wollen sie damit so lange wie möglich Geld verdienen (siehe Artikel «»). Das kann beispielsweise bei Haushaltsgeräten spannend sein. Viele Gemeinden und Städte vermieten eigene Wohnungen, in denen Haushaltsgeräte im Einsatz sind. Aber auch E-Bikes, Elektrofahrzeuge oder Bürogeräte wie Drucker eignen sich zum Mieten. Es gibt auch Anbieter:innen, welche die bereits in Betrieb stehenden Geräte in Kommission nehmen und mit Garantie zurückvermieten.
Beim Anfang beginnen
Wie bei jeder Beschaffung ist die Klärung des Bedarfs von grösster Bedeutung. Wie oft ist das Beschaffungsgut im Einsatz? Könnte es zu den ungenutzten Zeiten von jemand anderem genutzt werden? Das bekannteste Beispiel dafür: Mobility-Fahrzeuge. Sie sind mit privaten Nutzer:innen meist am Abend und am Wochenende unterwegs. Die öffentliche Hand aber braucht die Fahrzeuge in der Regel tagsüber – ideal also zum Teilen. Doch nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Büroräumlichkeiten oder Sitzungszimmer lassen sich teilen. Dank der Digitalisierung gibt es hier immer mehr attraktive und praktikable Angebote.
Unkomplizierte Occasionen
Secondhand-Produkte bieten ebenfalls ressourcenschonende Lösungen. Die Stadt Meyrin macht es vor: Die städtische Nachhaltigkeitsbeauftragte, Véronique Diebold, fasste den Auftrag, die Büros der Verwaltung neu zu möblieren. Diebold fragte kurzerhand die Nachbargemeinden. So musste sie nur die Kosten für den Spediteur begleichen, welcher die praktisch neuwertigen, aber ungenutzten Büromöbel der Nachbarn einsammelte und aufstellte. So konnte sie nicht nur Ressourcen, sondern auch die 50'000 Franken für eine Neumöblierung sparen.
Aufbereiten für die nächste Runde
Auch die Stadt Biel setzt auf den Wert von bereits Vorhandenem. Sie hat über 500 Stühle des Volkshauses sanieren lassen. Damit konnte sie nicht nur das architektonische Gesamtbild wahren, sondern auch Tonnen von Metall, Holz und Kunststoffen einsparen. Ausserdem zog die heimische Wirtschaft Nutzen daraus, der Auftrag ging nämlich an den Schweizer Möbelhersteller Girsberger, der während der Sanierungsphase Ersatzstühle zur Verfügung stellte. Wiederinstandsetzen lohnt sich auch beim (Rück-)Bauen. Hier lassen sich ganze Bauteile, Randsteine und sogar Asphalt wieder aufbereiten.
Recycling-Anteil einfordern
Praktisch bei jeder Beschaffung lässt sich auch ein hoher Rezyklat-Anteil einfordern – und zwar ohne Einbussen bei der Qualität. Dies zeigen Erfahrungen von innovativen Kantonen, Städten und Gemeinden. Der Kanton Aargau etwa setzt im Strassenbau bis zu 60 Prozent Recycling-Asphalt ein. Damit spart er nicht nur Ressourcen, sondern reduziert auch das Deponie-Problem. Soll das Ziel von netto null Treibhausgas-Emissionen in den nächsten Jahren näher rücken, braucht es neue Ansätze wie die Kreislaufwirtschaft. Beschaffung neu zu denken und Bewährtes auf andere Situationen zu übertragen, hilft dabei, Ressourcen zu sparen, Abhängigkeiten zu reduzieren und oft auch Kosten einzusparen. Lassen wir uns inspirieren von guten Beispielen, innovativen Ideen und interessanten Vorbildern.
Orientierung in der öffentlichen Beschaffung
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Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 2/2022 erschienen. Titelbild: Girsberger