Die Gelegenheit beim Schopf gepackt

Der Aussenraum des neuen Primarschulhauses im st. gallischen Schwarzenbach bietet viel Platz für Spiel und Sport. Doch nicht das ganze Areal ist dafür geeignet. Eine optimale Gelegenheit, die verschiedenen Böschungen, Randstreifen und Restflächen in eine Naturoase zu verwandeln.
Es war ein langer und hürdenreicher Weg, doch im Frühling 2018 entschieden sich die Stimmberechtigten von Jonschwil-Schwarzenbach (SG) für ein zukunftsgerichtetes Projekt, das die wachsende Gemeinde auf lange Sicht prägen wird: Anstelle einer Sanierung und Erweiterung des in die Jahre gekommenen und längst zu kleinen Primarschulhauses im Ortsteil Schwarzenbach stimmten sie dem Kredit von rund 19 Millionen Franken für einen modernen Neubau zu – mitsamt Aula, einer neuen Sport- und Mehrzweckhalle sowie der Neugestaltung des gesamten Aussenareals. Erdwärme und Solarzellen versorgen die mit Holz und Beton konstruierten Gebäude klimaschonend mit erneuerbarer Energie und die Tiefgarage unter der Mehrzweckhalle sorgt dafür, dass oberirdisch mehr Platz für einen attraktiven Aussenraum zur Verfügung steht. Dieser verbindet die Neubauten mit dem bestehenden Kindergarten und dem ebenfalls bestehenden Pavillon, in welchem die Kita und der Mittagstisch der Schule ein neues Zuhause gefunden haben.
Die Generationen verbinden
Während Schulklassen und Vereine zu Beginn dieses Schuljahres die neuen Räume mitsamt dem neuen Allwetterplatz übernehmen konnten, ist die Gestaltung des weiteren Aussenraums noch voll im Gang. Und dieser hat es in sich: Auf Initiative der IG aktives Alter Jonschwil-Schwarzenbach entsteht hier ein generationenverbindender Bewegungs- und Begegnungsraum. Die IG hat denn auch den Kontakt zur Stiftung Hopp-la geknüpft. Diese setzt sich schweizweit für die Gestaltung von Frei- und Lebensräumen ein, welche körperliche Aktivität sowie den Austausch zwischen den Generationen fördert. Die Stiftung leistet Beratung und finanzielle Unterstützung. Hopp-la-Beraterin Sabina Ruff leitete in Jonschwil-Schwarzenbach zudem den partizipativen Prozess, in welchem die Kindergarten- und Schulkinder sowie eine Begleitgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern der Schule, der Gemeinde, der Vereine und der Nachbarschaft ihre Ideen und Anliegen einbringen konnten.
Anhand dieser Ideen und unter dem von den Kindern favorisierten Motto «Reise um die Welt» entwarf Landschaftsarchitekt Roman Häne vom Kollektiv Nordost auf rund 1900 Quadratmetern eine Spiel- und Begegnungslandschaft mit Hügeln, Wegen, Kletterfelsen, Wasserstellen, Sitzbänken und vielem mehr, aufgeteilt in die sieben Weltkontinente. Im südamerikanischen Dschungel kann man ein Flugzeugwrack entdecken und in der Arktis einen Eisberg besteigen. Die speziellen Hopp-la-Spiel- und Bewegungsgeräte sind explizit für Kinder und ältere Menschen konzipiert
Eine Oase für die Natur
Die Gemeinde als Bauherrin legte von Beginn weg viel Gewicht auf eine naturnahe Gestaltung des Areals. Auf eine Versiegelung der Böden wurde wo immer möglich verzichtet, die Spielflächen sind zum grössten Teil chaussiert. Einheimische Sträucher sorgen für Struktur; ökologisch wertvolle Bäume wie Elsbeere, Wildkirsche, Baumhasel oder Feld- und Spitzahorn sowie eine stattliche Winterlinde spenden Schatten.
Die in den Boden eingelassene Steinlinse ermöglicht Kleintieren eine frostsichere Überwinterung. Bild: Kollektiv Nordost
«Letztlich stellte sich die Frage, wie wir die nicht bespielbaren Restflächen, Randstreifen und Böschungen rund um das Schulareal gestalten sollen, die insgesamt immerhin eine Fläche von rund 1000 Quadratmetern umfassen», konstatiert Martin Gmür, Leiter Bau und Infrastruktur der Gemeinde. «Da kam der Aufruf von Pusch an die Gemeinden, Naturoasen zu gestalten, zum optimalen Zeitpunkt.» Er nahm Kontakt mit Pusch-Projektleiter Daniel Gutzwiller auf und vereinbarte sogleich ein Treffen vor Ort. Gemeinsam inspizierten sie die verschiedenen Flächen und tauschten erste Aufwertungsideen aus. Das Kollektiv Nordost, ein Büro für Landschaftsarchitektur, nahm die Inputs seitens Pusch auf, entwickelte sie weiter und integrierte sie in die Pläne. In einer zweiten Begehung verpassten die Beteiligten dem Ganzen dann noch den nötigen Feinschliff. Eine erste Etappe der Umsetzung kann noch in diesem Jahr abgeschlossen werden. Eine zweite erfolgt dann im kommenden Frühjahr, wenn die naturnahen Wiesen angesät werden können. Zurzeit ist das Kollektiv Nordost zudem dabei, eine detaillierte Pflegeplanung zu erarbeiten, damit die naturnahe Umgebung der Schulanlagen auch langfristig hält, was sie verspricht.
«Die Zusammenarbeit mit Pusch gestaltete sich konstruktiv und unkompliziert», betont Landschaftsarchitekt Dominik Rhyner vom Kollektiv Nordost, der die Umsetzung vor Ort leitet. Als besonders wertvoll schätzt er die Idee ein, in der südexponierten Böschung, die im steilsten Bereich von einer Sandstein-Trockenmauer aufgehalten wird, mit Kleinstrukturen wie einer Steinlinse (siehe Abbildung), Ast- und Steinhaufen Nistmöglichkeiten und Unterschlupf für verschiedene Kleintiere wie Käfer oder Reptilien zu schaffen. Diese werden im umgebenden Krautsaum und in der frei wachsenden Hecke, die den Abschluss zur dahinterliegenden Spielwiese bildet, ausreichend Nahrung finden.
«Die Zusammenarbeit mit Pusch gestaltete sich konstruktiv und unkompliziert.»
– Dominik Rhyner, Landschaftsarchitekt beim Kollektiv Nordost
Artenreiche Blumenwiesen und Hecken In den Randstreifen wurden extensive Blumenwiesen ausgesät, welche durch eine Vielzahl an Heckenpflanzen ergänzt werden: Schon bald werden hier Weidenbüsche, Blasenstrauch, Berberitze und Schwarzdorn sowie verschiedene Wildrosen blühen. Kornelkirschen und Felsenbirnen sind nicht nur willkommene Futterquellen für Vögel, sondern laden auch die Kinder zum Naschen ein. Dasselbe gilt für Mirabellen, Johannis- und Stachelbeeren. Viel Gewicht haben die Planer auch daraufgelegt, dass sich die Gehölze in Grösse, Blühzeitpunkt und Herbstfärbung unterscheiden und so vom frühen Frühling bis in den späten Herbst auch optisch viel hergeben. Ein Blumenrasen nördlich des Kindergartens kann je nach Bedarf gemäht werden, und die artenreiche Magerwiese hinter der neuen Mehrzweckhalle wird bald Wildbienen, Schmetterlinge und viele weitere der heute stark bedrohten Insekten anlocken.
Die Naturoase ermöglicht es den Kindern, direkt vor dem Klassenzimmer Naturbeobachtungen zu machen, die sich auch in den Unterricht integrieren lassen. «Zudem hat die Oase auf dem öffentlich zugänglichen Areal grosses Potenzial, der Bevölkerung den Wert der Biodiversität näher zu bringen und sie zu eigenem Handeln zu motivieren», ist Martin Gmür überzeugt.
Viel Engagement von Gemeinde und Bevölkerung
Die Naturoase auf dem Schulareal ist kein isoliertes Projekt. «Die Gemeinde hat sich zum Ziel gesetzt, zur Förderung der Biodiversität sukzessive Strassenbegleit-, Grün- und Restflächen ökologisch aufzuwerten», wie Martin Gmür betont. Unter dem Dach der schweizweiten Kampagne «Mission B» motiviert zudem die örtliche Naturschutzgruppe mit einem Newsletter und regelmässigen Veranstaltungen die Bevölkerung dazu, der Natur in den Gärten und auf den Balkonen mehr Platz zu geben.
«Die Gemeinde hat sich zum Ziel gesetzt, zur Förderung der Biodiversität sukzessive Strassenbegleit-, Grün- und Restflächen ökologisch aufzuwerten.»
– Martin Gmür, Leiter Bau und Infrastruktur, Gemeinde Schwarzenbach
Mit diesem gemeinsamen Engagement knüpfen Private und öffentliche Hand ein feinmaschiges Netz, welches einheimischen Tieren und Pflanzen den dringend benötigten Lebensraum verschafft und der Bevölkerung mit seinen vielfältigen Farben, Formen und Düften viel Lebensqualität bietet.
Der Text ist im «Thema Umwelt» 4/2021 erschienen.