Vom Papier in die Praxis: Tipps für die Umsetzung der Klimastrategie

Eine Klimastrategie ist ein wichtiger Schritt, um Klimaschutz in einer Gemeinde langfristig zu verankern. Doch zwischen politischem Beschluss und der Umsetzung im Gemeindealltag liegen einige Herausforderungen. Worauf sollten Gemeinden achten, damit aus der Strategie auf dem Papier gelebte Praxis wird?
Eine Klimastrategie legt Ziele fest, definiert Handlungsfelder und zeigt auf, welche Massnahmen eine Gemeinde verfolgen möchte. Nach dem politischen Beschluss beginnt die eigentliche Arbeit. Doch im Verwaltungsalltag können verschiedene Faktoren dazu führen, dass beschlossene Massnahmen nicht wie geplant vorankommen. In der Forschung wird dieses Phänomen als «Implementation Gap» bezeichnet: die Lücke zwischen formulierten Zielen und ihrer tatsächlichen Umsetzung.
Um diese Lücke zu schliessen, müssen sich Gemeinden typischen Hürden bewusst sein und gezielt gegensteuern. Entscheidend ist, dass die Klimaziele auch im täglichen Handeln von Verwaltung und Politik mitgedacht und berücksichtigt werden.
Wer macht was? Klare Verantwortung schafft Verbindlichkeit
Klimaschutz betrifft viele Bereiche einer Gemeinde, etwa Liegenschaften, Tiefbau, Mobilität oder Beschaffung. Eine Umweltfachstelle kann den Prozess koordinieren und den Überblick behalten. Die konkrete Umsetzung der einzelnen Massnahmen liegt jedoch meist bei den zuständigen Fachbereichen. Klare Zuständigkeiten verhindern, dass Massnahmen zwischen verschiedenen Bereichen liegen bleiben und sich verzögern.
Früh klären, wer Verantwortung übernimmt
Bereits bei der Erarbeitung einer Klimastrategie sollten zentrale Fragen geklärt werden:
Wer koordiniert die Umsetzung?
Welche Fachbereiche oder Abteilungen sind beteiligt?
Wer trägt die Verantwortung für einzelne Massnahmen?
Wer verfügt über die nötigen Entscheidungsbefugnisse?
Welche Entscheide benötigen eine politische Abstimmung?
Klimaschutz braucht Priorität – auch im Alltag
Eine Klimastrategie wirkt dann, wenn Klimaschutz auch im Verwaltungsalltag genügend Gewicht erhält. Denn die Umsetzung findet nicht nur in einzelnen Klimaprojekten statt, sondern in vielen alltäglichen Entscheidungen: Wie wird ein öffentlicher Raum gestaltet? Welche Anforderungen gelten bei einer Sanierung? Welche Kriterien fliessen in eine Beschaffung ein? Dabei trifft Klimaschutz häufig auf andere Interessen und läuft Gefahr, im Alltag an Priorität und Verbindlichkeit zu verlieren.
Zielkonflikte gemeinsam lösen
Eine öffentliche Fläche soll beispielsweise Schatten spenden, Regenwasser zurückhalten und die Biodiversität fördern, gleichzeitig aber auch Raum für Veranstaltungen, Verkehr und weitere Nutzungen bieten. «Zielkonflikte gibt es in allen Bereichen», sagt Roger Wenk, Präsident der Natur- und Umweltschutzkommission in Lupsingen. Entscheidend sei, die verschiedenen Interessen gemeinsam und strukturiert zu klären – miteinander statt gegeneinander.
«Es gibt tausend konkrete Argumente, warum man etwas nicht ändern sollte, und die Argumente, wieso man etwas ändern sollte, sind im Klimaschutzbereich sehr abstrakt.»
– Gabriel Happle, Leiter Umwelt und Nachhaltigkeit, Gemeinde Thalwil
Gerade bei knappen personellen und finanziellen Ressourcen stellt sich die Frage, welchen Stellenwert der Klimaschutz gegenüber anderen Aufgaben oder Projekten erhält. Gabriel Happle, Leiter Umwelt und Nachhaltigkeit in Thalwil, bringt das Dilemma auf den Punkt: «Es gibt tausend konkrete Argumente, warum man etwas nicht ändern sollte, und die Argumente, wieso man etwas ändern sollte, sind im Klimaschutzbereich sehr abstrakt.»
Klimaschutz braucht Orientierung
Eine gute Datengrundlage hilft dabei, Prioritäten zu setzen. Lupsingen setzt auf eine klare Strategie, eine Klimabilanz und einen Absenkpfad. Wenk erklärt: «Sie müssen wissen, wo Sie stehen als Gemeinde. Sonst fangen Sie einfach mit Aktionismus an und wissen gar nicht, wie die Massnahmen wirken.»
Daten und Strategien allein reichen jedoch nicht aus. Damit Klimaschutz im Arbeitsalltag berücksichtigt wird, braucht es Klarheit darüber, welchen Stellenwert Klimaziele bei Entscheidungen haben. Gerade wenn persönliche Überzeugungen oder die Wahrnehmung der Dringlichkeit innerhalb der Verwaltung unterschiedlich eingeschätzt werden, ist Orientierung wichtig. Ein klarer politischer Auftrag schafft diese Verbindlichkeit.
Klimaschutz politisch verankern
Eine verabschiedete Klimastrategie zeigt, welchen Weg eine Gemeinde langfristig einschlagen will und gibt Verwaltung und Politik eine gemeinsame Grundlage für Entscheidungen. In Lupsingen ist das Ziel Netto-Null 2040 zusätzlich in einem Klimaschutzreglement verankert. Damit ist das Klimaziel von der Gemeindeversammlung demokratisch legitimiert. Das schafft zusätzliches politisches Gewicht und eine rechtliche Grundlage.
Klimaschutz ist Aufgabe der ganzen Gemeinde
Die Umsetzung gelingt nur, wenn alle Beteiligten ihre jeweilige Rolle wahrnehmen:
Die Politik setzt einen verbindlichen Rahmen und schafft Orientierung.
Umweltverantwortliche koordinieren, evaluieren, informieren und behalten den Überblick.
Die Fachbereiche oder Abteilungen integrieren Klimaziele in ihre Aufgaben und Entscheidungen.
Die Verantwortung für Klimaschutz wird als Gemeinde gemeinsam getragen.
Genügend Ressourcen sind das A und O
Eine Klimastrategie kann noch so gut sein: Ohne ausreichend Ressourcen bleibt sie eine Absichtserklärung. Neben finanziellen Mitteln braucht es vor allem personelle Kapazitäten für Koordination, Abstimmung und die Begleitung der Massnahmen. Gerade kleinere Gemeinden müssen diese Aufgaben oft mit wenigen Mitarbeitenden bewältigen. Soll Klimaschutz tatsächlich Priorität erhalten, müssen dafür personelle Ressourcen und Mittel eingeplant werden. Das kann bedeuten, andere Aufgaben zurückzustellen oder später umzusetzen.
An der Umsetzung dranbleiben
Damit Massnahmen nicht im Verwaltungsalltag untergehen:
Wenige, gut umsetzbare Massnahmen priorisieren.
Zeit und personelle Ressourcen verbindlich einplanen.
Bei Bedarf andere Aufgaben zurückstellen.
Fortschritte regelmässig mit allen Beteiligten überprüfen.
Hindernisse früh erkennen und angehen.
Erste Fortschritte sichtbar machen.
Es braucht «Treiber:innen»
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt Lupsingen. Wenk betont: «Wir müssen regelmässig schauen und überprüfen, wie die Umsetzung läuft. Und die Dynamik muss erhalten bleiben. Wenn niemand den Impuls gibt, kommt auch nichts ins Laufen. Es braucht ein paar Leute, die dranbleiben – eben Treiber:innen. Diese müssen gut vernetzt und institutionell eingebunden sein, innerhalb der Gemeinde ebenso wie nach aussen, etwa zum Kanton.»
«Die Dynamik muss erhalten bleiben. Wenn niemand den Impuls gibt, kommt auch nichts ins Laufen. Es braucht ein paar Leute, die dranbleiben.»
– Roger Wenk, Präsident der Natur- und Umweltschutzkommission, Gemeinde Lupsingen
Auch Thalwil zeigt, wie wichtig diese koordinierende Rolle ist: Die Klimastrategie wird zentral gesteuert, die Umsetzung erfolgt jedoch dezentral in den zuständigen Abteilungen. Die Koordinationsstelle ist deshalb darauf angewiesen, dass diese die erforderlichen personellen und finanziellen Ressourcen für die Umsetzung der Massnahmen bereitstellen.
Veränderung gelingt, wenn Wissen zusammenkommt
Die Umsetzung einer Klimastrategie bringt oft neue Anforderungen mit sich – sei es durch neue Technologien, angepasste Prozesse oder veränderte gesetzliche Vorgaben. Für eine gute Zusammenarbeit braucht es Fachwissen und den regelmässigen Austausch zwischen den betroffenen Bereichen.
Gerade ausserhalb der Umweltfachstelle kann nicht vorausgesetzt werden, dass alle über dasselbe Wissen zur Strategie und zum Klimaschutz verfügen. Verständliche Informationen und gezielte Weiterbildungen helfen, Unsicherheiten abzubauen und die neuen Anforderungen in den Arbeitsalltag zu übertragen.
Akzeptanz entsteht durch Einbezug
Veränderungen können auf Zurückhaltung stossen, wenn bestehende Abläufe, Erfahrungen oder praktisches Wissen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Neue Ansätze werden eher mitgetragen, wenn klar ist, wie sie in bestehenden Strukturen sinnvoll integriert werden können. Ebenso wichtig ist, dass der Nutzen für den jeweiligen Aufgabenbereich erkennbar ist – und Veränderungen nicht einfach als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen werden. Deshalb ist es wichtig, die betroffenen Fachbereiche früh einzubeziehen.
Betroffene früh einbeziehen
Die Umsetzung wird einfacher, wenn verschiedene Perspektiven früh zusammenkommen:
Fachbereiche früh in die Planung einbeziehen.
Praktische Erfahrungen und bestehende Abläufe berücksichtigen.
Klimawissen verständlich vermitteln.
Gemeinsam praktikable Lösungen entwickeln.
Den Nutzen für die jeweiligen Aufgabenbereiche sichtbar machen.
Austausch und Weiterbildungen ermöglichen.
Weinger, Benjamin Kaplan (2026): Overcoming the implementation gap: everyday barriers and enablers of urban climate governance. In: Frontiers in Sustainable Cities, Volume 8.