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Mobilitätsverhalten zum richtigen Zeitpunkt lenken

Das Mobikit von Thun an einem Schlüsselanhänger.

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6 Minuten Lesezeit

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Stehen Veränderungen im Alltag an, hinterfragen Menschen auch ihre Gewohnheiten. Diese biografischen Schnittstellen sind ideale Zeitpunkte, um das Mobilitätsverhalten der Einwohner:innen zu beeinflussen. Mit einem Mobilitätsset können Gemeinden genau dort ansetzen. 

Um den zunehmenden Verkehr in den Griff zu bekommen, ergreifen Städte und Gemeinden oft bauliche Massnahmen. Das Mobilitätsmanagement ist eine kostengünstigere Variante, um das Mobilitätsverhalten zu beeinflussen. Dabei zeigt sich aber, dass die meisten Menschen nicht ohne Weiteres bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern. Möchte eine Gemeinde möglichst viele Einwohnerinnen und Einwohner zu einer umweltbewussten Lebensweise motivieren, muss sie die Schlüsselmomente kennen, in denen sie den grössten Einfluss auf das Mobilitätsverhalten hat. 

Bei biografischen Schnittstellen ansetzen  

Mobilität ist Alltag, und aus dem Alltag bricht man am ehesten dann aus, wenn eine grössere Veränderung ansteht – zum Beispiel ein Umzug. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Siedlungs- und Infrastrukturentwicklung» wurde untersucht, inwieweit sogenannte biografische Schnittstellen eine Gelegenheit bieten, um das Mobilitätsverhalten einer Person oder Familie nachhaltig zu beeinflussen. Verändert sich etwas im Alltag einer Familie – durch die Geburt eines Kindes, dessen Einschulung, einen Umzug oder durch einen neuen Arbeitsplatz – ist das der ideale Zeitpunkt, um neue Mobilitätsformen auszuprobieren und die Vorzüge des Zufussgehens, des Velofahrens oder des öffentlichen Verkehrs kennenzulernen. 

Mobilitätsangebote kennen 

Die Forschungsresultate zeigen zunächst, dass der Umzug aus Sicht der Mobilität sehr häufig ein Umzug in Richtung Nachhaltigkeit ist. Die umziehenden Personen optimieren dabei in erster Linie ihren Arbeitsweg. Dies gilt natürlich vor allem dann, wenn der Haushalt sich an eine zentralere Lage verschiebt. 

Weiter hat die Studie gezeigt, dass Neuzuzüger:innen ihr Wissen über die Mobilitätsangebote des neuen Wohnorts häufig überschätzen, insbesondere im Bereich des öffentlichen Verkehrs. Viele Befragte gaben an, genügend darüber zu wissen. Bei genauerer Nachfrage bestand aber durchaus Bedarf an zusätzlicher Information. Vor allem der Wissensstand über die Velowege erwies sich als relativ gering. Auch vernachlässigen viele, dass sich die Wahl ihres Wohnortes in Sachen Mobilität auch im Portemonnaie bemerkbar macht. Aus dem Wohnort leiten sich die Art und die Länge der Wege ab, die die verschiedenen Familienmitglieder im Alltag zurücklegen. 

Bei einem Wechsel des Wohnortes oder der Arbeitsstelle werden häufig auch Gewohnheiten, wie etwa die eigene Fortbewegung, hinterfragt. Dabei tauchen verschiedene Fragen auf: Wie komme ich vom neuen Wohnort zu meinem Arbeitsplatz? Wie erreiche ich das nächste Einkaufszentrum? Oder das Freizeitangebot? Verfügen Betroffene in diesem Moment über genügend Wissen und Motivation, sind sie auch bereit, bisher ungewohnte Möglichkeiten ins Auge zu fassen. Hier setzt die Idee des Mobilitätssets, wie es in Thun und Köniz existiert, an. Ein solches Set enthält Informationen zu Mobilitätsangeboten und Gutscheine zum Erproben von Alternativen zum motorisierten Individualverkehr. 

Informationen und Anreize  

Seit 2002 gibt das Einwohneramt der Stadt Thun den Neuzuzügerinnen und Neuzuzügern ein solches Mobilitätsset ab. Und auch Köniz tut das seit 2009. Das Echo aus der Bevölkerung ist positiv. Eine Auswertung hat aufgezeigt, dass Neuzuziehende das Angebot schätzen und die Gutscheine auch nutzen. 

Ein Mobilitätset der Gemeinde kann so gestaltet sein, dass es für verschiedene biografische Schnittstellen Anwendung findet. Es beinhaltet alle wichtigen Informationen zum Thema Mobilität und setzt mit Gutscheinen zusätzliche Anreize, um auf den öffentlichen Verkehr oder das Velo umzusteigen, zu Fuss zu gehen, möglichst auf das eigene Auto zu verzichten oder – wo nötig – stattdessen auf Fahrzeuge mit alternativen Antrieben (Elektromobilität) zu setzen. Das Set kann auch mit Informationen zu laufenden Kampagnen der Gemeinde oder anderer Akteure ergänzt werden, wie beispielsweise zu einer Velooffensive oder Schulwegsicherheitskampagnen. 

Mobilität beginnt im Kinderwagen  

Das Leben mit Kindern stellt Eltern vor neue Herausforderungen. Sie müssen nicht nur eigene Verpflichtungen und Versorgungswege organisieren. Auch Kinder haben viele Termine und Wege, die es zu organisieren gilt. Jüngere Kinder sind dabei meist auf Begleitung angewiesen. Insgesamt haben die Kinderbegleitwege im Laufe der letzten Jahrzehnte zugenommen. Sie werden am häufigsten mit dem Auto zurückgelegt. Die Gelegenheiten, in denen sich Kinder frei bewegen können, werden damit zunehmend eingeschränkt. 

Doch es gibt Mobilitätskonzepte, die ein Plus an Zeit und Lebensqualität ermöglichen und gleichzeitig das Klima und das Portemonnaie schonen. Wenn dabei die Kinder durch Zufussgehen und Velofahren motorisch fitter, selbstständiger und sozial kompetenter werden, lohnt es sich besonders. Kinderkriegen ist kein Grund, sich ein Auto anschaffen zu müssen. 

Angebote rund um den Schulweg

Die Kampagnen des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) «Zu Fuss zur Schule», «Pedibus» sowie die Aktionswoche «Walk to School» verfolgen das Ziel, dass Kinder ihren Schulweg sicher zu Fuss zurücklegen können. Das «Mobilitätskonzept Schule» ist ein Beratungsangebot des VCS für Gemeinden und Schulen, die ihre Schulwege analysieren lassen und gezielt optimieren wollen.

Neuer Job, neues Verkehrsmittel?  

Schwieriger ist es für die Gemeinde, bei der biografischen Schnittstelle des Jobwechsels anzusetzen und mit dem Mobilitätsset an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu gelangen. Die Definition der Zielgruppe und deren Erreichbarkeit ist eine Herausforderung. Den Aufwand, Stellenwechsel in der Privatwirtschaft zu eruieren und private Betriebe dafür zu gewinnen, neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Mobilitätsset abzugeben, schätzen die Behörden je nach Gemeindegrösse als kaum realisierbar ein. Städte und Gemeinden können die Chance dieser biografischen Schnittstelle aber insofern nutzen, als dass sie die eigenen Mitarbeitenden durch Informationen und Anreize für das Thema Mobilität sensibilisieren. 

Geld für Gutscheine statt für Infrastruktur?  

Ein Mobilitätsset ist unweigerlich mit Kosten verbunden, sei dies für die Gestaltung, den Druck, die Übersetzung oder die Koordination mit den verschiedenen Gutscheinlieferanten. Die Wichtigkeit des Themas verlangt nach einem sorgfältig geplanten und benutzerfreundlich gestalteten Give-away, welches unter anderem auch die Mehrsprachigkeit der Bevölkerung berücksichtigt. 

Doch wie finanziert man dieses Angebot? Das Mobilitätsset kann entweder durch Werbung fremdfinanziert oder auch als Bestandteil einer bestehenden Verkehrsinformationskampagne, zum Beispiel zur Förderung des Fuss- und Veloverkehrs, durch die Gemeinde finanziert werden. Eine Kombination dieser beiden Varianten ist ebenfalls denkbar. Bei der Fremdfinanzierung ist darauf zu achten, dass die Gemeinde als Absenderin auftritt. 

Mobilitätsset hin oder her, die Palette an Angeboten macht am Ende den Unterschied und ist eine Grundvoraussetzung für solche Sensibilisierungskampagnen. Ein Gutscheinpaket für die Bevölkerung entbindet Städte und Gemeinden nicht davon, in Infrastrukturen für attraktive und sichere Veloverbindungen zu investieren und ein zeitgemässes ÖV-Angebot anzubieten. 

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 4/2020 erschienen.
Titelbild: Stéphanie Penher


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