Mit der Strategie «Adliswil fit für Netto-Null» hat die Stadt einen verbindlichen Fahrplan für die nächsten Jahre geschaffen. Doch wie gelingt die Umsetzung im Verwaltungsalltag? Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie in Adliswil, spricht über Zuständigkeiten, Priorisierung und erste Erfahrungen aus der Umsetzung.
Frau Schneeberger, wo stand die Stadt Adliswil vor der Verabschiedung ihrer Netto-Null-Strategie?
Die Stadt Adliswil beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit Energie- und Klimathemen. Wir sind seit 1997 Energiestadt und seit 2021 Energiestadt Gold. In diesem Rahmen wurden schon verschiedene Projekte umgesetzt, beispielsweise im Bereich Solarenergie, Energieberatung oder Sensibilisierung der Bevölkerung.
Für Energiestadt-Gold-Gemeinden gehört eine Netto-Null-Strategie zum Standard. Wir haben deshalb die vielen laufenden Projekte zusammengetragen und zu einem einheitlichen Konzept gebündelt.
Im Dezember 2023 hat der Stadtrat die Strategie «Adliswil fit für Netto-Null» verabschiedet – mit fünf Handlungsfeldern, 43 Massnahmen und einem Zeitplan zur Erreichung von Netto-Null bis 2040, spätestens bis 2050. Damit haben wir nicht nur einen gemeinsamen Rahmen, sondern auch die politische Grundlage für die Umsetzung geschaffen.
Zudem besteht ein gesetzlicher Auftrag: Gemäss Art. 1 EnerG (Energiegesetz Kanton Zürich) muss der Kanton Netto-Null bis 2050 erreichen. Mit unserer eigenen, ambitionierteren Strategie leisten wir einen aktiven Beitrag zur Erfüllung dieses kantonalen Ziels.
«Da die Umsetzung der Strategie viele verschiedene Bereiche betrifft, braucht es eine Person, die die verschiedenen Fäden zusammenführt und den Überblick über die Umsetzung behält.»
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Was waren die ersten konkreten Schritte nach der Verabschiedung der Strategie?
Mit der Strategie wurde auch eine Massnahme zur Sicherung der personellen und finanziellen Ressourcen aufgenommen. In diesem Zusammenhang wurden die Zuständigkeiten für die Koordination der Umsetzung neu organisiert und zentral bei einer Person gebündelt. Die entsprechende Stelle wurde im Sommer 2024 ausgeschrieben. Da die Umsetzung viele verschiedene Bereiche betrifft, braucht es eine Person, die die Fäden zusammenführt und den Überblick über die Umsetzung behält.
Als ich Anfang 2025 meine Stelle antrat, erstellte ich als erstes eine Übersicht über die Massnahmen: Was ist geplant? Wo sind wir dran? Was wurde schon umgesetzt? Und welche Themen brauchen einen Anstoss? Dabei zeigte sich, dass bereits an vielem gearbeitet wurde.
Wo steht Adliswil heute bei der Umsetzung?
Viele Massnahmen aus der Strategie werden kontinuierlich umgesetzt, andere wurden oder werden abgeschlossen. Auch 2026 sind weitere Massnahmen dazugekommen oder sind in Vorbereitung.
Dabei ist der Fortschritt je nach Massnahme unterschiedlich messbar. Während einzelne Projekte einen klaren Abschluss haben, sind es bei anderen langfristige Prozesse, die sich laufend weiterentwickeln.
«Die Umsetzung selbst liegt aber bei den jeweiligen Abteilungen. Dort ist das Fachwissen vorhanden und dort müssen die Massnahmen letztlich auch funktionieren.»
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Abteilungen?
Gut. Ich gehe auf die verschiedenen Ressorts und Abteilungen zu, frage nach dem Stand, bringe neue Themen ein und schaue gemeinsam mit den Verantwortlichen, wo wir weiterkommen können. Umgekehrt kommen die Abteilungen bei Bedarf auch auf mich zu.
Die Verantwortung für die Umsetzung der Massnahmen liegt aber bei den jeweiligen Ressorts und Abteilungen. Dort ist das Fachwissen vorhanden und dort müssen die Massnahmen letztlich auch funktionieren.
Strategien werden oft von wenigen Personen erarbeitet, die Umsetzung betrifft aber viele. Wie gelingt es, die Verwaltung mitzunehmen?
Aus meiner Sicht ist es wichtig, die Personen einzubeziehen, die später an den Massnahmen arbeiten. Die Mitarbeitenden in den verschiedenen Abteilungen kennen ihre Aufgaben, Abläufe und Herausforderungen sehr genau. Es bringt wenig, wenn man am Schreibtisch ein Konzept entwickelt und anschliessend sagt: «Das müsst ihr jetzt machen.»
«Deshalb versuchen wir, Massnahmen gemeinsam mit den betroffenen Stellen weiterzuentwickeln. So entstehen Lösungen, die nicht nur strategisch sinnvoll sind, sondern auch im Alltag umgesetzt werden können.»
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Gerade bei Klimathemen gibt es oft Zielkonflikte. Mehr Bäume oder mehr Entsiegelung sind wichtige Ziele, gleichzeitig muss aber berücksichtigt werden, wie Flächen unterhalten werden können oder welchen anderen Nutzen sie erfüllen müssen.
Deshalb versuchen wir, Massnahmen gemeinsam mit den betroffenen Stellen weiterzuentwickeln. So entstehen Lösungen, die nicht nur strategisch sinnvoll sind, sondern im Alltag auch umgesetzt werden können.
Die Strategie umfasst 43 Massnahmen. Wie entscheiden Sie, was zuerst umgesetzt wird?
Die Priorisierung erfolgt gemeinsam mit den zuständigen Ressorts und Abteilungen. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Was läuft bereits? Wo besteht ein direkter Hebel? Welche Massnahmen haben politische Unterstützung? Und welche Ressourcen stehen uns zur Verfügung?
Ein Beispiel ist die Umrüstung auf LED-Beleuchtung. Ein grosser Teil der Beleuchtung ist bereits umgestellt. Die restlichen Erneuerungen erfolgen dort, wo ohnehin Bauprojekte stattfinden.
«Eine zurückgestellte Massnahme ist nicht automatisch gestrichen. Die Gründe werden dokumentiert und können später, wenn sich Rahmenbedingungen verändern, neu beurteilt werden.»
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Gibt es Massnahmen, die Sie nicht weiterverfolgen?
Ja. Gewisse Massnahmen werden vorerst zurückgestellt, wenn der Nutzen im Verhältnis zum Aufwand gering ist oder der politische Rückhalt fehlt. Beim Beispiel eines Rufbusses für schlechter erschlossene Quartiere wurde geprüft, ob ein solches Angebot sinnvoll wäre. Aufgrund des Kosten-Nutzen-Verhältnisses wurde die Massnahme politisch abgelehnt und vorerst zurückgestellt.
Wichtig ist dabei: Eine zurückgestellte Massnahme ist nicht automatisch gestrichen. Die Gründe werden dokumentiert und können später, wenn sich Rahmenbedingungen verändern, neu beurteilt werden.
Was sind bisher die grössten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Eine Herausforderung ist, das Thema langfristig präsent zu halten. In einer Verwaltung gibt es viele wichtige Aufgaben und Prioritäten. In einzelnen Ressorts und Abteilungen werden Nachhaltigkeitsthemen bereits aktiv in Projekte eingebracht, in anderen ist das Thema noch weniger präsent. Meine Rolle ist es, den Überblick über die gesamte Strategie zu behalten, die Verantwortlichen zusammenzubringen und die Umsetzung der Massnahmen weiterzuverfolgen.
Eigentlich wäre es das Ziel, dass Netto-Null in den Köpfen aller automatisch mitgedacht wird. Das passiert sicherlich schon bei vielen. Aber aufgrund der bereits erwähnten Zielkonflikte hat das Thema nicht bei allen oberste Priorität, was ja auch verständlich ist.
Bewährt hat sich, dass wir eine politisch beschlossene Strategie haben. Sie gibt uns eine Grundlage und unterstreicht, dass die Stadt diesen Weg grundsätzlich gehen möchte.
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Auch politische Veränderungen können die Umsetzung beeinflussen. Die Netto-Null-Strategie bleibt als Stadtratsbeschluss bestehen. Gleichzeitig verändern sich politische Mehrheiten und finanzielle Rahmenbedingungen. Damit muss eine Verwaltung umgehen.
Was hat sich bisher bewährt und was würden Sie mit den heutigen Erfahrungen anders machen?
Bewährt hat sich, dass wir eine politisch beschlossene Strategie haben. Sie gibt uns eine Grundlage und unterstreicht, dass die Stadt diesen Weg grundsätzlich gehen möchte.
«Trotzdem bleibt die Herausforderung, dass eine Strategie nach der Erarbeitung in der Verwaltung verankert werden muss.»
– Rebecca Schneeberger, Projektleiterin Umwelt und Energie, Gemeinde Adliswil
Gleichzeitig sehe ich, dass es für die Umsetzung hilfreich ist, wenn Personen, die später mit den Massnahmen arbeiten, noch stärker eingebunden werden. Bei der Erarbeitung der Netto-Null-Strategie gab es einen Workshop mit der Verwaltung. Die Strategie wurde mit einer externen Firma erarbeitet. Trotzdem bleibt die Herausforderung, dass eine Strategie nach der Erarbeitung in der Verwaltung verankert werden muss.
Eine Klimastrategie gibt jeder Gemeinde die Chance, auf lokaler Ebene einen Beitrag zu einer klimafreundlichen Zukunft zu leisten – mit klaren Zielen, passenden Massnahmen und spürbaren Vorteilen für Bevölkerung und Region. Wir zeigen, wie eine pragmatische Klimastrategie entsteht, die nicht zum Papiertiger wird.
Was muss passieren, damit Adliswil die Ziele der Netto-Null-Strategie tatsächlich erreicht?
Manchmal ist man selbst sehr stark in diesen Umweltthemen drin und vergisst, dass nicht alle dieselbe Perspektive haben. Für manche ist Klimaschutz nicht das wichtigste Thema, weil andere Herausforderungen für sie Prioritäten haben.
Die Aufgabe besteht deshalb darin, Klimaschutz nicht als zusätzliches Spezialthema zu behandeln, sondern ihn Schritt für Schritt in bestehende Prozesse zu integrieren.