Wie gelingt Ökologische Infrastruktur in der Gemeinde?

Der Aufbau der Ökologischen Infrastruktur stellt eine Herkulesaufgabe für die Schweiz dar. Besonders im Siedlungsraum sind noch viele Fragen offen. Die Gemeinden sind mit vielfältigen Hemmnissen konfrontiert. Zwei Umfragen bei Gemeindevertreter:innen und Fachpersonen liefern Erkenntnisse zu den Tücken in der kommunalen Umsetzung und zeigen Lösungsansätze auf.
Der Biodiversitätsschwund in der Schweiz schreitet weiter voran: 47 Prozent der beobachteten Arten sind gefährdet oder bereits ausgestorben. 2012 hat der Bundesrat im Rahmen der Strategie Biodiversität Schweiz beschlossen, die Schutzgebiete durch die Schaffung einer Ökologischen Infrastruktur (ÖI) landesweit besser zu vernetzen und so dem Verlust der Artenvielfalt entgegenzuwirken.
Am Puls der Gemeinden
Sind die Gemeinden auf die Planung und Umsetzung der ÖI im Siedlungsraum vorbereitet? Gibt es Hemmnisse, die einer erfolgreichen Umsetzung im Weg stehen? Und welche Lösungsansätze können dabei unterstützen? Diese Fragen standen im Fokus einer Masterarbeit zum Thema Ökologische Infrastruktur im Siedlungsraum.
Anhand einer Online-Umfrage wurden 1517 Gemeinden (vorwiegend aus der Deutschschweiz) zu Hemmnissen und Lösungsansätzen befragt. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse haben in einer zweiten Studie 17 Expert:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen die erkannten Hemmnisse ergänzt und konkrete Lösungsansätze skizziert.
Es braucht mehr Know-how und klare Rahmenbedingungen
Die Ergebnisse zeigen klar, welche Hürden einer erfolgreichen Planung und Umsetzung der ÖI im Siedlungsraum im Weg stehen:
Unklare politische Zielsetzung: Den befragten Gemeinden fehlt es aktuell auf Bundesebene an politischem Willen.
Ungenügende Rechtsgrundlagen: Die rechtlichen Rahmenbedingungen in den Bereichen Naturschutz und Raumplanung werden als unzureichend und der Gesetzesvollzug über alle politischen Ebenen als mangelhaft erachtet.
Fehlendes Fachwissen und Ressourcen: Insbesondere kleineren Gemeinden (unter 10‘000 Einwohner:innen) fehlt es an Know-how. 81 Prozent haben keine Fachperson im Bereich Naturschutz und nur 16 Prozent können auf eine Fachperson unter 50 Stellenprozent zurückgreifen. Unter diesen Voraussetzungen gleicht die Umsetzung der Ökologischen Infrastruktur auf kommunaler Ebene einer Herkulesaufgabe.
Die Bevölkerung stärker einbeziehen
Als weitere wichtige Hemmnisse nannten die Gemeinden fehlendes Wissen und mangelnden Willen in der Bevölkerung sowie Nutzungskonflikte. Darauf aufbauend empfehlen einige der befragten Expert:innen, das Begriffsverständnis der ÖI im Siedlungsraum zu erweitern. Aktuell setzt sich die Ökologische Infrastruktur per Definition des Bundesamtes für Umwelt (BAFU) aus Kern- und Vernetzungsgebieten zusammen: Kerngebiete sind ausreichend grosse und qualitativ hochwertige Lebensräume. Vernetzungsgebiete ergänzen die Kerngebiete mit zusätzlichen ökologisch wertvollen Lebensräumen und verbinden sie als Korridore und Trittsteine untereinander. Sie sind für das Überleben der Arten zentral – zum Beispiel für die Nahrungssuche, die Fortpflanzung oder den Schutz vor Störungen.
An die Kern- und Vernetzungsgebiete gibt es hohe qualitative Anforderungen und sie müssen zudem raumplanerisch langfristig gesichert sein – nur ganz spezifische Flächen können diesen strikten Kriterien genügen. Erweitert man aber die Definition um die Ebene der umgebenden Landschaftsmatrix, rücken viele weitere Flächen in den Fokus. Die Landschaftsmatrix umfasst sämtliche extensiv genutzten und aufgewerteten Flächen, die Anforderungen an Qualität und Langfristigkeit sind hier aber deutlich niedriger.
Mit diesem neuen Verständnis kann jeder aufgewertete Grünfleck, Privatgarten oder Balkon einen Beitrag zur Ökologischen Infrastruktur leisten. Die Mobilität der Arten wird so auch ausserhalb von Kern- und Vernetzungsgebieten gefördert, was die Funktionsfähigkeit der ÖI weiter stärkt. Ausserdem wird dadurch die Bevölkerung miteinbezogen und der Aufbau der ÖI wird zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe.
Naturnah gestaltet können private Flächen, Gärten und Balkone einen wichtigen Beitrag zur Ökologischen Infrastruktur leisten.
Es braucht ein gemeinsames Verständnis
Welche gemeindeinternen Voraussetzungen sind also nötig, um die ÖI zu planen und umzusetzen?
Ein gemeinsames strategisches Verständnis zur ÖI in den verschiedenen Fachabteilungen sichert die Basis für gemeinsame Ziele und eine hohe Priorisierung des Themas.
Die nötigen personellen und finanziellen Ressourcen sowie das Fachwissen müssen bereitgestellt werden – zur Umsetzung der ÖI und zum Einbezug der Bevölkerung. Gemeinden können Know-how und Kapazitäten entweder intern aufbauen oder extern einkaufen, indem sie beispielsweise ein Ökobüro beauftragen.
Von der Theorie zur Praxis
Üblicherweise fehlt den Gemeinden die für die Planung der ÖI erforderliche Datenbasis. Ein wichtiger Schritt ist deshalb die Erfassung des Ist-Zustands. Oft liegt der bereits vorhandene Anteil wertvoller Flächen höher als erwartet bei etwa 10 bis 15 Prozent. Das ökologische Potenzial des Siedlungsraums ist also nicht zu unterschätzen. Sofortmassnahmen, wie die Umsetzung eines ökologischen Pflegemanagements für alle öffentlichen Flächen oder das Aktivieren der Bevölkerung etwa durch Wettbewerbe für naturnahe Vorbildgärten, können Gemeinden direkt umsetzen.
Herausfordernder ist die planerische Konzeptionierung der ÖI. Sie erfordert oft etwas Mut und Pragmatismus. Neben bereits vorhandenen Möglichkeiten zur Vernetzung, wie zum Beispiel durch kleinere Fliessgewässer, sind weitere Flächen erforderlich, die bei einer langfristigen Siedlungsplanung zu berücksichtigen sind. Auch der Blick zum Siedlungsrand sowie regionale Planungsansätze spielen eine wichtige Rolle für eine landesweite Umsetzung der ÖI.
Es lohnt sich, die Erkenntnisse aus der Erfassung des Ist-Zustands und der planerischen Konzeptionierung in Form eines Biodiversitätskonzepts zu dokumentieren, das den erforderlichen Handlungsbedarf aufzeigt, priorisiert und Massnahmen formuliert. Das Biodiversitätskonzept muss im Rahmen der nächsten Revision in den kommunalen Richtplan sowie in den Nutzungsplan einfliessen. Damit wird eine kontinuierliche Umsetzung sichergestellt.
Titelbild: Sonja Ellermeyer