Recycling ist gut… vermeiden ist besser...

Recycling ist eine gute Sache. Das gilt auch beim Papier. Noch besser ist es, den Papierverbrauch zu reduzieren. Denn auch im Recyclingpapier stecken viele Ressourcen.
Die Herstellung von Papier und Karton ist aufwendig und je nach Herstellungsart mit beträchtlichen Umweltauswirkungen verbunden. Die Verwendung von Recyclingpapier ist sinnvoll, doch für einen nachhaltigen Umgang braucht es mehr.
Knapper Rohstoff, teure Produktion
Papier und Karton sind in unserem Alltag omnipräsent. Dennoch hat sich die Papier- und Kartonindustrie in den letzten Jahren stark verändert. Die Nachfrage nach Zeitungs- und Druckpapier hat sich durch die Digitalisierung in den letzten fünf Jahren in der Schweiz um 40 Prozent reduziert, während faserbasierte Verpackungen und der Verbrauch von Hygienepapier zugenommen haben. Onlineshopping führt dazu, dass mehr Versandkartons benötigt werden – während der Pandemie stieg der Verbrauch schweizweit um 26 Prozent in einem Jahr. Deshalb haben einige Papierhersteller ihren Betrieb für die Kartonproduktion umgerüstet. Durch diese Kapazitätserhöhung ist es für Kartonhersteller allerdings schwierig geworden, genügend Rohstoffe zu finden. Nicht selten kaufen sie deshalb Altpapier zu, um ihre Produktion aufrechtzuerhalten. Hinzu kommen weiterhin pandemiebedingte Lieferengpässe und nun durch den Ukraine-Krieg gestiegene Energiepreise, was die Produktion verteuert. In der Folge gibt es immer weniger Papierfabriken – derzeit noch sieben in der Schweiz, darunter nur noch eine Fabrik für Zeitungspapier. Kopierpapiere oder Schulhefte werden hierzulande nicht mehr produziert. Sie stammen vollumfänglich aus dem Ausland.
Plastik, Metall oder sogar auch mal Schuhe müssen aus dem Altpapier aussortiert werden. Bild: Perlen Papier AG
Energie- und wasserintensiv
Über den Import von solchen Papierprodukten aus Europa bezieht die Schweiz darum indirekt Zellstoff, das Ausgangsmaterial von Papier, aus verschiedenen Ländern. Gemäss dem Verein ecopaper stammt rund ein Viertel des Zellstoffs der europäischen Papierindustrie aus Latein- und Nordamerika sowie Asien. Aus Umweltsicht ist dies dann problematisch, wenn für die Papierherstellung Urwälder gerodet werden, um dort beispielsweise schnell wachsende Eukalyptusbäume anzubauen. Schätzungen zufolge sind weltweit etwa 12 Prozent aller Zellstoffplantagen Eukalyptuskulturen. Weitere beliebte Baumarten sind Fichten, Kiefern oder Birken.
Neben Holz braucht es für die Herstellung von Papier und Karton Wasser, Energie und Chemikalien. Die Produktion erfolgt in mehreren Schritten:
Herauslösen der Papierfasern: Die Gewinnung der Fasern geschieht mechanisch oder chemisch. Bei der mechanischen Zerfaserung pressen Maschinen das Holz unter Zugabe von Wasser gegen einen Schleifstein. Es entsteht ligninhaltiger Holzschliff, etwa für Zeitungspapier oder Karton. Bei der chemischen Gewinnung wird das Holz in schwefliger Lauge oder Säure gekocht und das Lignin dadurch entfernt. Zurück bleibt Zellstoff. Das daraus produzierte Papier wird wegen des fehlenden Lignins als holzfrei bezeichnet und vergilbt weniger schnell.
Zellstoffbleiche: Als Nächstes erfolgt die Bleiche. Abhängig vom angestrebten Weissgrad werden dem Faserbrei verschiedene Bleichmittel wie Chlor und Chlorverbindungen, Ozon oder Wasserstoffperoxid zugefügt. Dieser Schritt ist für die Umwelt besonders dann problematisch, wenn Elementarchlor verwendet wird. Dies betrifft vor allem Firmen mit tiefen Umweltstandards ausserhalb der Schweiz.
Verfilzung: Der entstandene Papierbrei besteht aus 99 Prozent Wasser und 1 Prozent Fasern und wird nun auf ein grosses Sieb gespritzt. Durch dieses läuft das Wasser ab und die Fasern verfilzen zu einem Vlies.
Pressen, trocknen und aufrollen: Auf bis zu 150 Meter langen und 10 Meter breiten Papiermaschinen pressen Walzen das Papiervlies, das anschliessend getrocknet und auf sogenannte Tambouren aufgerollt wird. Diese können bis zu 100 Tonnen schwer sein und 100 Kilometer Papier enthalten. Die Herstellung von Karton erfolgt analog aus den Rohstoffen Holzschliff, Zellstoff und Altpapier.
Recyclingpapier ist ein Muss
Insgesamt verbraucht die Schweiz 165 Kilogramm Papier und Karton pro Kopf und Jahr, was im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich viel ist.
95 Prozent der in den Papierfabriken der Schweiz eingesetzten Faserstoffe stammen aus Altpapier. Zur Gewinnung der Fasern wird das Papier in Wasser eingeweicht und aufgelöst. Dann sortieren Siebe oder Zentrifugalsortierer Fremdstoffe wie Plastik oder Metall aus.
Für die Entfernung der Druckfarbe, das sogenannte Deinking, braucht es Seife und Natronlauge. Anschliessend bläst eine Maschine Luft in den Faserbrei. Die Druckfarbe bleibt an den entstehenden Bläschen haften, steigt an die Oberfläche und wird abgeschöpft. Zurück bleiben gereinigte Fasern. Die Papierfasern können nicht beliebig oft wiederverwertet werden, da sie sich im Kreislauf abnutzen. Darum sind auch für Recyclingpapier je nach Anwendung immer zwischen 3 und 30 Prozent Neufasern nötig.
Eine Etappe der Papierproduktion: Gebleichter Faserstoff Bild: Perlen Papier AG
Dennoch schneidet Recyclingpapier punkto Ökobilanz deutlich besser ab als Neufaserpapier: Berücksichtigt man den Einsatz von Holz, Wasser, Energie und Chemikalien belastet es die Umwelt rund dreimal weniger. Der Einkauf von rezykliertem Papier ist somit ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Pusch empfiehlt das Label Blauer Engel, das hauptsächlich für Altpapier verwendet wird und das die strengsten Auflagen beim Einsatz von Chemikalien vorgibt.
Die Verwendung von Recyclingpapier ist aber noch nicht automatisch ein nachhaltiger Umgang. Wird Papier nämlich verschwendet, verpuffen die eingesparten Umweltauswirkungen. Deshalb führt Recycling nur in Kombination mit einer achtsamen Nutzung zu einem nachhaltigen Umgang mit Papierprodukten.
Schulen: Papier sparsam nutzen
Einseitig gebrauchtes Papier sammeln und Rückseite als Notizpapier verwenden.
Hefte nach den Sommerferien weiterführen, statt neue zu beginnen.
Kein Papier in Hefte einkleben.
Hinweisschilder für einen sparsamen Verbrauch von Hygiene- und Toilettenpapier aufhängen.
Bei Druckergeräten doppelseitigen Druck als Standard einstellen.
Kurze Leseaufträge auf digitalen Geräten ausführen.
Altpapier im Klassenzimmer sammeln.
Verständnis für Papierherstellung stärken (z. B. Papier selbst schöpfen).
Nicht immer besser als Plastik
Im Alltag kommen immer mehr pflanzenbasierte Verpackungen, Trinkhalme, Einweggeschirr oder Tragtaschen zur Anwendung, um Plastik einzusparen. Doch nicht immer ist das die bessere Alternative. Die Tatsache, dass etwas aus nachwachsenden Rohstoffen besteht, ist allein noch keine Garantie für geringe Umweltauswirkungen. Ökobilanzen helfen, einzelne Produkte hinsichtlich ihrer Umweltbelastung miteinander zu vergleichen. Und die spricht bei einem einmaligen Gebrauch einer Tragtasche tatsächlich gegen Papier: Gemäss einer Studie der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa müsste eine Papiertragtasche mindestens sieben Mal verwendet werden, um eine vergleichbare Ökobilanz zu erreichen, wie eine Tasche aus Recyclingplastik. Bei Einweggeschirr hingegen schneidet die Variante aus Recyclingkarton gegenüber Plastik besser ab.
Grundsätzlich gilt immer die Faustregel: Möglichst leichte Produkte wählen und diese möglichst oft verwenden. Mit zunehmender Nutzungsdauer fällt das Ausgangsmaterial immer weniger ins Gewicht. Die Wahl des Materials ist immer auch abhängig von den Gegebenheiten: Braucht man eine Tragtasche draussen bei Regen und nassem Boden ist Plastik vermutlich die bessere Wahl. Abzuraten ist von Verbundverpackungen, beispielsweise plastifizierten Kartons, die wegen der unterschiedlichen Materialien kaum rezykliert werden können.
Unterrichtsmaterial für Lehrpersonen
Pusch bietet Lehrpersonen Umsetzungshilfen zu Umweltthemen. Papier ist Thema im 1. Zyklus, für Lehrpersonen gibt es zudem einen Papierschöpfkoffer zum Ausleihen. Weitere Informationen unter: www.pusch.ch/ schule.
Dieser Artikel ist im «4bis8» 6/2022 erschienen.
Titelbild: Perlen Papier AG