So fördern Gemeinden einen nachhaltigen Lebensstil – 5 Praxistipps

Gutes Abfallmanagement beginnt lange vor der Entsorgung – mit der Abfallvermeidung. Gemeinden haben es in der Hand, einen nachhaltigen Lebensstil zu fördern. Wie das geht, zeigen diese fünf Tipps aus den Erfahrungen der Zentralschweiz und Solothurn mit der Plattform «E chline Schritt».
Der kommunale Handlungsspielraum beginnt nicht erst beim Recycling und den Entsorgungsaufgaben. «Die Entsorgung ist nur ein Teil des Kreislaufs. Wenn Gemeinden mit ihren Massnahmen bereits vor dem Recycling und der Entsorgung ansetzen und die Suffizienz fördern, entsteht weniger Abfall», betont Esther Delli Santi, Projektleiterin beim Amt für Umwelt des Kantons Zug und Verantwortliche für die Plattform «E chline Schritt» der Zentralschweiz und des Kantons Solothurn.
Die Phase der Nutzung ist ein entscheidender Teil des Produktkreislaufs (rot). Wie ein Gegenstand genutzt wird, beeinflusst seine Lebensdauer stark. Gemeinden können bereits in dieser Phase dazu beitragen, dass Gegenstände länger im Kreislauf bleiben.
5 Tipps für mehr Suffizienz in der Gemeinde
Die Projektideen und Praxisbeispiele, die im Rahmen von «E chline Schritt» entstanden oder weiterentwickelt wurden (siehe Box), zeigen sehr deutlich: Gemeinden können Privatpersonen auf vielfältige Art und Weise zu einem nachhaltigen Lebensstil motivieren. Und sie haben den Handlungsspielraum, um die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen.
Plattform «E chline Schritt»
Die Umweltfachstellen der Zentralschweizer Kantone Luzern, Zug, Schwyz, Uri, Nidwalden und Obwalden haben sich 2016 zusammengeschlossen, um sich gemeinsam für einen nachhaltigen Konsum der Bevölkerung zu engagieren. 2024 ist der Kanton Solothurn der Aktion beigetreten. Unter dem gemeinsamen Dach «E chline Schritt» bündeln die Kantone ihre Aktivitäten zu den Themen Food Waste, Reparieren, Teilen und vielen mehr.
«E chline Schritt» hat in den letzten Jahren viele Ideen und Projekte unterstützt, ihnen zu mehr Aufmerksamkeit verholfen und für Gemeinden und Organisationen, die aktiv werden möchten, hilfreiche Materialien zur Verfügung gestellt. Die Hilfsmittel von «E chline Schritt» sind schweizweit nutzbar und beschränken sich nicht auf die Zentralschweiz und Solothurn.
Tipp 1: Niederschwellige Angebote und bestehende Strukturen nutzen
«Es lohnt sich, niederschwellig anzufangen und zuerst einmal auf das zu setzen, was es schon gibt. Man muss das Rad nicht neu erfinden», betont Esther Delli Santi. Und wie sieht das konkret aus? Die Gemeinde könnte zum Beispiel lokale Reparaturbetriebe kontaktieren und sie motivieren, sich auf der Plattform Reparaturführer.ch zu registrieren. Auf der Webseite der Gemeinde wird der Reparaturführer dann verlinkt.
Eine weitere Möglichkeit sei, den Abfallkalender thematisch etwas breiter zu interpretieren: «Man kann neben den typischen Entsorgungsangeboten auch Angebote aufführen, die zur Abfallvermeidung beitragen», so Delli Santi. Das kann ebendieser Reparaturführer sein, aber auch Repair Cafés, Bibliotheken, Ludotheken, offene Bücher- oder Kühlschränke sowie lokale Tauschplattformen. So erhält nicht nur das bereits vorhandene Engagement mehr Aufmerksamkeit, sondern auch die Abfallvermeidung als Thema.
Es gibt viel zu tun im Repair Café in Horw (LU). Bild: Repair Café Horw
Zur Nutzung von bestehenden Strukturen gehört auch, dem Thema Suffizienz an Gemeindeanlässen aller Art einen Platz zu geben. Beispielsweise liesse sich ein Frühlingsmarkt mit einem Stand oder einer Ausstellung zum Thema Food Waste verbinden. «Wichtig ist, die bestehenden Aktivitäten mit Elementen zu ergänzen, die zu einer Entwicklung in Richtung Kreislaufwirtschaft beitragen.»
Tipp 2: Kleine Schritte für langfristigen Erfolg
«Besser klein anfangen und dranbleiben, als gross starten und wieder aufgeben!» Anfangs sei der Plattform-Name «E chline Schritt» als zu wenig ambitioniert kritisiert worden. Doch genau darin liege der Schlüssel, ist Delli Santi überzeugt: «Viele kleine Schritte zu machen, funktioniert langfristig besser.» Dafür sprechen auch die meist knappen finanziellen und personellen Ressourcen.
«Ich hoffe, dass die kommunale Sammelstelle langfristig zur Kreislaufstelle wird.»
– Esther Delli Santi, Amt für Umwelt, Kanton Zug & Verantwortliche für die Plattform «E chline Schritt»
In der Praxis bedeutet das, eher kleinere Massnahmen über einen längeren Zeitraum zu planen, als einen grossen Anlass durchzuführen, der alle Ressourcen frisst und anschliessend thematisch nie mehr aufgegriffen wird. «Einzelaktionen oder einjährige Themenschwerpunkte sind schön und gut, aber der langfristige Effekt bleibt häufig aus.»
Es lohne sich viel mehr, sich auf das Machbare zu konzentrieren, bestehende Unterstützung in Anspruch zu nehmen und vor allem dranzubleiben. Die gute Nachricht: «Es gibt viele pfannenfertige Hilfsmittel und Angebote. Das spart Ressourcen.»
Nützliche Hilfsmittel
Reparatur in der Gemeinde etablieren: Die wichtigsten Schritte dafür liefert der Wegweiser Kreislaufwirtschaft mit Vertiefung Reparatur (PDF) von Swissrecycle und Reparaturführer.ch.
Die Plattform «E chline Schritt» bietet Hintergrundinformationen, gute Beispiele, viele hilfreiche Links und Kommunikationsmaterial zum Herunterladen.
Tipp 3: Vorbildrolle der Gemeinde nutzen
«Gemeinden haben die Chance, Vorreiterinnen und Vorbilder zu sein.» Vorreiterinnen sind sie etwa, wenn sie neben der Entsorgungsinfrastruktur Möglichkeiten zum Teilen und Wiederverwenden anbieten. Das kann zum Beispiel eine Tausch-Ecke bei der betreuten Sammelstelle sein oder eine Zusammenarbeit mit «Pretty Good» (siehe Box). Oder sogar ein Brockenhaus wie beim Ökihof Zug, das neben der Sammelstelle seit Jahren zur Wiederverwendung anregt (siehe Artikel «»).
Delli Santi hofft, dass sich solche Angebote auch dank des revidierten Umweltschutzgesetzes stärker etablieren (siehe auch Interview zur Gesetzesrevision mit einer Expertin des Bundesamts für Umwelt: ). «Ich hoffe, dass die kommunale Sammelstelle langfristig zur Kreislaufstelle wird. Wenn Privatpersonen aktiv entscheiden, ob sie ihre Gegenstände reparieren, spenden oder entsorgen möchten und entsprechende Angebote an einem Ort finden, wird Ressourcenschonung einfacher und alltäglich.»
Praxisbeispiel: Zweites Leben für Alltagsgegenstände im Kanton Zug
Der Kanton Zug setzt mit «Pretty Good Zug» ein Zeichen für Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft. In fünf Gemeinden können funktionstüchtige Alltagsgegenstände unkompliziert in den Ökihöfen abgegeben werden. Die gespendeten Objekte werden von lokalen gemeinnützigen Organisationen geprüft, gereinigt, falls nötig repariert und anschliessend in den eigenen Läden oder online weiterverkauft. So erhalten sie ein zweites Leben.
Tipp 4: Kommunikation nicht vergessen
«Wenn die öffentliche Hand vermehrt über ihr eigenes Engagement berichtet, stärkt das die Vorbildwirkung», so Delli Santi. Wie oft und auf welche Art und Weise die Gemeinde über den Umgang mit Ressourcen spricht, ist zentral, wenn sie die Einwohner:innen zu einem ressourcenschonenden Lebensstil motivieren möchte (siehe auch Artikel «»).
Die Verwaltung könnte zum Beispiel in der Gemeinde- oder Lokalzeitung oder in den sozialen Medien darüber berichten, wie sie selbst Gegenstände mietet statt kauft, reparieren oder wiederaufbereiten lässt oder wie sie Food Waste vermeidet.
Umwelttipps für die Gemeindekommunikation
Geben Sie Umweltthemen in Ihrer Kommunikation mehr Aufmerksamkeit – mit den alltagsnahen Umwelttipps von Pusch. Pusch-Mitglieder erhalten viermal im Jahr saisonale Umwelttipps inklusive Bildmaterial – zur Nutzung für ihre Website, Newsletter, Anzeiger und Social Media.
Tipp 5: Engagierte Personen unterstützen
«Alles steht und fällt mit engagierten Menschen. Das kann Frust und Motivation zugleich sein», weiss Esther Delli Santi. Für «E chline Schritt» war das die Motivation. Denn engagierten Personen wolle die Plattform Hilfsmittel an die Hand geben, um vorwärtszumachen und dranzubleiben.
Die öffentliche Hand ist neben ihrer Vorbildrolle auch eine Ermöglicherin. Motivierte Einzelpersonen gilt es zu aktivieren, zu unterstützen und zu vernetzen. Eine Form der Unterstützung könnte in der Infrastruktur liegen. So hat zum Beispiel die Gemeinde Bottmingen (BL) den Organisator:innen des lokalen Repair-Cafés Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und so die Reparaturkultur in der Gemeinde etabliert (siehe Artikel «»).