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Erderwärmung oder Klimakrise?

Demonstrationsumzug zum Klimastreik mit Plakat, auf dem "Unser Haus brennt" steht.

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4 Minuten Lesezeit

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Wir benutzen sie, um Sachverhalte zu erklären, auf Probleme hinzuweisen oder Lösungen aufzuzeigen: die Sprache. Doch oft wählen wir die Worte unbewusst, wenn wir über Umweltthemen sprechen. Dabei hat die Wortwahl einen grossen Einfluss darauf, welche Botschaft bei anderen ankommt.

Klimawandel, Klimaveränderung, Erderwärmung oder Erderhitzung – die vier Begriffe werden häufig synonym verwendet. Doch sie erzeugen nicht die gleiche Wirkung auf die Lesenden, wie Forschende der Universität Bern im Rahmen des Projekts «Sprachkompass» herausgefunden haben.

Selbsttest

Was assoziieren Sie mit den Wörtern Klimawandel, Klimaveränderung, Erderwärmung oder Erderhitzung? Wirken sie positiv, negativ oder neutral? Welches löst den grössten Handlungsdruck aus?

Wohlige Wärme versus gefährliche Hitze

«Klimawandel» und «Klimaveränderung» sind abstrakte Begriffe, welche von den Sinnen entkoppelt und neutral wirken. Demgegenüber erzeugt beispielsweise der Begriff «Luftverschmutzung» sofort ein Bild von dreckiger Luft, welche die Atemorgane belastet – etwas, das sich alle konkret vorstellen können.

Ähnlich verhält es sich mit der «Erderwärmung». Darin steckt die Wärme, etwas Angenehmes, das Wohlbefinden hervorruft und die problematischen Extreme unterschlägt. Letztere werden durch den Begriff «Erderhitzung» besser erfasst. Hitze ist ungemütlich, man kann sich daran verbrennen. Hitze lässt an Gefahr denken.

Aus Abfall wird Ressource

Die Bedeutung der Wortwahl zeigt sich auch bei einem im Umweltschutz viel verwendeten Wort: Abfall. Das Wort kommt vom Verb «ab-fallen», also etwas, das übrigbleibt. Etwas, das man «ent-sorgt», sich also seiner Sorgen entledigt.

Die Wortwahl ist entscheidend dafür, ob wir eine Sache eher positiv oder negativ wahrnehmen.

Eine Alternative, die den Wert des Weggeworfenen mehr ins Zentrum rückt, ist der Begriff «Ressource». Ressourcen wegwerfen oder entsorgen tönt mehr nach Verschwendung als «Abfall wegwerfen». Das verdeutlicht die Problematik.

Die Wortwahl ist also entscheidend dafür, ob wir einen Zustand, eine Sache oder eine Handlung eher positiv oder negativ wahrnehmen. Worte können so auch bewusst eingesetzt werden, um Zugang zu einem Thema zu schaffen. Hier einige gelungene Slogans für einen positiven Zugang zum Thema Food Waste:

Die wandernden Lebensmittel

Die Wirkung der Sprache hängt aber nicht nur von der Wortwahl ab. Ebenso wichtig ist es, Verantwortliche oder Handelnde beim Namen zu nennen. Wie genau können Lebensmittel eigentlich – wie im Zusammenhang mit Food Waste häufig zu lesen ist – «in den Abfall wandern»? Als hätten sie einen eigenen Willen und würden sich selbständig vom Kühlschrank in den Kehricht begeben.

Grüne Znünibox liegt offen auf dem Tisch, darin befinden sich angeknabberte Brotreste und Käse

Lebensmittelreste entstehen, wenn wir sie nicht oder nicht rechtzeitig verwerten.

In eine ähnliche Kategorie fallen Formulierungen wie «Lebensmittelverluste fallen an» oder «Lebensmittel werden verschwendet». Sie alle haben gemeinsam, dass sie das handelnde Subjekt verschleiern – es scheint niemand konkret die Handlung auszuführen und verantwortlich zu sein. Dadurch wird Food Waste zu einem Thema aller und doch von niemandem wirklich.

Akteur:innen bewusst zu benennen, schafft Betroffenheit bei den Lesenden und macht einen Sachverhalt greifbar. «Jedes Jahr fallen in den Schweizer Haushalten 778‘000 Tonnen Food Waste an» ist eine unpersönliche Aussage. Wer hingegen liest: «Jede Person in der Schweiz wirft im Haushalt durchschnittlich 90 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr weg. Das entspricht etwa einem Sandwich pro Tag» fühlt sich betroffen.

Sprache als historischer Speicher

Weiter zeigt uns die Sprache, was zu einer bestimmten Zeit üblich war, und widerspiegelt Normen der Gesellschaft. «Gas geben», «einen Gang runterschalten», «auf die Bremse treten» – es gibt zahlreiche Ausdrücke, welche beispielsweise die Bedeutung des Autos für den Menschen hervorheben. Entfernungen werden meist in Autominuten und nicht Velominuten oder gar Gehminuten angegeben. So liegt eine Wohnung nur fünf Minuten vom Stadtzentrum oder ein Ausflugsziel nur eine Autostunde vom Wohnort entfernt.

Eine Velofahrerin mit Sonnenbrille fährt neben einem Auto durch eine 30er-Zone.

«Gas geben» oder «in die Pedale treten» – es lohnt sich, Worte in Bezug zur Botschaft bewusst zu wählen.

Durch den Sprachgebrauch festigen wir unbewusst diese Normen – so bewegt «man» sich fort. Dabei gäbe es auch Ausdrücke, welche die Bedeutung des Langsamverkehrs hervorheben würden. Etwas kann voranschreiten, einen Schritt in die richtige Richtung gehen, man kann grosse Sprünge machen oder ins Stolpern geraten. Auch die Eisenbahn ist im Sprachrepertoire präsent: Weichen sind gestellt, etwas ist aufgegleist oder verläuft gemäss Fahrplan.

Fazit: Schreibtipps

Es gibt kein richtig oder falsch für die Verwendung der Sprache in der Umweltkommunikation. Dennoch lohnt es sich, folgende Punkte zu beachten:

  • Assoziationen von Begriffen kennen: Welche Wirkung erzeugen sie bei den Lesenden und möchte ich das?

  • Aktiv schreiben: Verantwortliche oder Handelnde nicht verschleiern.

  • Grosse Zahlen auf Personen oder vorstellbare Einheiten herunterbrechen.

  • Bildhaft schreiben und sprechen: Veranschaulichungen aus dem Alltag helfen den Empfänger:innen der Botschaften, sich etwas Komplexes konkret vorstellen zu können.

Dieser Artikel stammt aus dem Magazin «Sprachwerkstoff» der Kommunikationsagentur Sprachwerk.


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