Utopie oder Chance? Vision einer CO2-neutralen Welt

Netto null CO2-Emissionen in naher Zukunft erscheinen vielen zunächst utopisch. Dabei besteht die eigentliche Utopie darin, die drohende Klimakatastrophe auszublenden und weiterzumachen wie bisher. Vorausschauende Gemeinden ergreifen jetzt Massnahmen, um den Wandel mitzugestalten − anstatt von ihm überrollt zu werden.
Was bedeutet eigentlich «Netto-Null»? Und bis wann müssen wir dieses Ziel in der Schweiz erreichen? Das Ziel von null Emissionen ergibt sich aus der Erkenntnis, dass die globale Erhitzung direkt von der Menge der emittierten Treibhausgase abhängt. Wollen wir eine bestimmte Temperaturgrenze – zum Beispiel 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau – nicht überschreiten, dann müssen wir ein dementsprechendes CO2-Budget einhalten. Spätestens dann, wenn die über die Jahre kumulierten globalen Emissionen dieses Budget erreicht haben, muss der CO2-Ausstoss auf null sinken. Sofern es gelingt, CO2-Moleküle aus der Atmosphäre zu entfernen (Negativ-Emissionen), sind bis maximal in diesem Ausmass weitere Emissionen zulässig. Dann braucht es also nicht absolut (brutto), sondern netto null Treibhausgasemissionen – eine ausgeglichene Bilanz aus positiven und negativen Emissionen.
Was ist eigentlich Netto-Null?
Das nationale Ziel reicht nicht aus
Nimmt man das internationale Klimaabkommen von Paris und die aktuellen Erkenntnisse der Klimawissenschaft zur Grundlage, dann muss ein reiches Land wie die Schweiz, das seit Beginn der Industrialisierung grosse Mengen CO2 verursacht hat, seine Emissionen sehr bald – das heisst vor dem Jahr 2040 – auf netto Null reduzieren. Das vom Bundesrat formulierte und von vielen Akteuren unkritisch übernommene Ziel «Netto-Null bis 2050» reicht daher klar nicht aus. Dies entspricht auch dem Beschluss der Klimakonferenz in Glasgow, wonach alle Nationen aufgefordert sind, genau solche unzureichenden nationalen Ziele umgehend nachzubessern.
Jetzt aktiv werden!
Was bedeutet dies nun für Städte und Gemeinden in der Schweiz? Sie sind gefordert, sich nicht von Unsicherheit lähmen zu lassen, sondern die eigene Energiezukunft aktiv zu gestalten. Einerseits, weil das Szenario «Weiter wie bisher» finanzielle Risiken birgt, da es zu Fehlinvestitionen in fossile Infrastruktur führen kann, die vor dem Ende ihrer Lebensdauer teuer ersetzt werden muss. Andererseits, weil ein rascher Ausstieg aus fossilen Energien die Abhängigkeit von volatilen internationalen Energiemärkten und schwer vorhersehbaren politischen Entscheiden reduziert. Wer hätte etwa erwartet, dass nur wenige Wochen nach der letztjährigen Abstimmungsniederlage zum CO2-Gesetz das «Wunder von Glarus» mit einem pauschalen Fossilheizungsverbot im Bergkanton möglich wäre? Oder im November 2021 das deutliche Ja zum ambitionierten Energiegesetz im Kanton Zürich und zum 2040-Netto-Null-Ziel der Stadt Winterthur?
Rasches Handeln ist umso mehr angesagt, weil Netto-Null längst keine Utopie mehr ist, sondern ein nahezu globaler Konsens. 85 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern mit einem Netto-Null-Ziel. Jede fünfte Grossstadt der Welt verfügt ebenfalls über ein Netto-Null-Ziel sowie knapp 700 der 2000 weltweit grössten Konzerne. Diese Entwicklungen werden gestützt durch die Erwartungen von Bevölkerung und Investor:innen: Klimaschutz bleibt auf der Agenda weit oben und wird für Investitionsentscheidungen immer relevanter.
Aus Erfahrungen lernen
Bei der Realisierung dieses Ziels sind Städte und Gemeinden entscheidende Akteurinnen – und vorausschauende Gemeinden handeln jetzt. Zentrale Handlungsfelder mit zahlreichen Beispielen vorbildlicher kommunaler Klimapolitik sind unter anderem Energie und Gebäude, Mobilität sowie Ernährung. Die Erfahrungen vorbildlicher Gemeinden lassen sich in acht Empfehlungen zusammenfassen:
Messbare Ziele und Meilensteine festlegen. Diese dürfen nicht willkürlich definiert werden, sondern haben sich an den wissenschaftlichen Grundlagen zu orientieren, wie dies beispielsweise die Science Based Targets Initiative (SBTI) gewährleistet. Es geht also um ein ausreichend ambitioniertes Langfristziel für netto null Emissionen sowie Zwischenziele und allenfalls sektorspezifische Unterziele. Klimaschutzmassnahmen sollten auf der Basis dieser Ziele ausgestaltet werden.
Messen, was zählt. Nur wer seine Emissionen und Emissionsquellen kennt und die Wirksamkeit der eingeleiteten Massnahmen überprüfen kann, verfügt über die klimapolitisch notwendige Wissensbasis. Datenbasierte bürgernahe Tools wie digitale Stadtpläne mit lokal verfügbaren erneuerbaren Wärmeerzeugungsoptionen können bei der Zielerreichung unterstützen.
Alle relevanten Handlungsfelder adressieren. Das Netto-Null-Ziel erfordert eine Systemperspektive: Blinde Flecken oder die willkürliche Wahl von Handlungsfeldern sind nicht mehr sinnvoll. Denn fast alle Emissionsquellen müssen auf null reduziert werden. Und wo dies vorerst nicht komplett möglich scheint (wie allenfalls in den Sektoren Abfall oder Landwirtschaft), müssen die Restemissionen dadurch ausgeglichen werden, dass mindestens im gleichen Umfang CO2 aus der Atmosphäre entfernt wird.
Lebenszyklen berücksichtigen und Lock-ins vermeiden. Überall dort, wo Emissionsquellen an langlebige Investitionsgüter gebunden sind – beispielsweise Infrastrukturen wie Gasnetze, Heizungsanlagen, Gebäude aber auch Fahrzeuge – sind Investitionsentscheidungen besonders klimarelevant. Denn durch falsche Entscheide würden hohe Emissionen über Jahre und Jahrzehnte zementiert («locked-in»). Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass frühzeitig Lebenszyklen zu berücksichtigen sind: Wann lohnen sich Instandhaltungsmassnahmen an Gasleitungen noch? Wann nicht mehr? Wann müssen Eigentümer:innen von Gasheizungen über eine bevorstehende Stilllegung von Gasleitungen informiert werden?
Als Vorbild vorangehen. Am schnellsten und direktesten erzielen Städte und Gemeinden Wirkung, indem sie im eigenen Betrieb, bei den eigenen Liegenschaften, in der eigenen Beschaffung auf Netto-Null-Lösungen setzen. Der erste fossilfreie kommunale Fuhrpark oder alle Schulgebäude der Stadt komplett erneuerbar beheizt – das können Leuchtturmprojekte sein, die Identifikation und Orientierung schaffen. Zugleich ermöglichen sie den Markteintritt für noch nicht ganz marktreife Lösungen und schaffen Innovationsvorteile für lokale Unternehmen.
Zusatznutzen hervorheben. Ambitionierte Klimapolitik braucht Akzeptanz und soll Begeisterung auslösen. Akzeptanz und Begeisterung entstehen nur, wenn die Vision dahinter mehr ist als die Verhinderung der Klimakatastrophe. «I have a dream» zieht stärker als «I have a nightmare». Wer glaubwürdig mit mehr Grünflächen, weniger Verkehrslärm und gesünderen Nahrungsmitteln wirbt und zugleich auf die Schaffung lokaler Arbeitsplätze und grössere Unabhängigkeit verweist, erreicht zudem Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichsten Werthaltungen.
Bevölkerung einbeziehen. Zahlreiche Projekte aus dem In- und Ausland belegen, dass die Akzeptanz für Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien oder andere Klimaschutz-Investitionen höher ist, wenn die Bevölkerung frühzeitig einbezogen wird. Zugleich lassen sich dadurch Sachverstand nutzen und Kosten senken.
Mit anderen zusammenarbeiten und voneinander lernen. Niemand muss das Rad neu erfinden. Benchmarks zeigen auf, wo die eigene Gemeinde im Vergleich zu anderen das grösste Entwicklungspotenzial hat. Kontinuierlicher Austausch ermöglicht es, Erfahrungen weiterzugeben und Kräfte zu bündeln.
Netto-Null ist für Städte und Gemeinden keine Utopie, sondern die einzig realistische Antwort auf die Klimakrise. Gemeinsam lässt sich diese Herausforderung meistern und eine lebenswerte Zukunft gestalten.
Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 1/2022 erschienen.
Titelbild: Peter Baracchi