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Klima und Energie
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Was kostet Netto-Null?

Skyline einer Stadt bei Nacht

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6 Minuten Lesezeit

Klima und Energie

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Wie wird eine Stadt oder Gemeinde möglichst bald klimaneutral? Um diese Frage zu beantworten, hat die Stadt Zürich mehrere Netto-Null-Szenarien berechnen lassen. Die Ergebnisse zeigen, wo die Schlüsselmassnahmen liegen und welche Investitionen nötig sind.

Der Begriff Netto-Null ist in aller Munde. Aber was bedeutet dieses Ziel konkret? Am Beispiel der Stadt Zürich lässt sich veranschaulichen, wie Netto-Null-Szenarien aufgebaut sind und welche Schlussfolgerungen sie ermöglichen. Das Forschungs- und Beratungsunternehmen Infras und die Nachhaltigkeitsberatung Quantis haben im Auftrag der Stadt Zürich Massnahmen und Kosten für das Erreichen des Netto-Null-Ziels analysiert. Am Anfang stand die Frage: Wie kann die Stadt möglichst bald klimaneutral werden?

Als Ausgangspunkt für die Analysen diente die städtische Treibhausgasstatistik, die auf der Methodik der 2000-Watt-Bilanzierung basiert. Die Treibhausgasstatistik umfasst die direkten und indirekten energiebedingten Treibhausgas-Emissionen (siehe Box) aus der Energienutzung auf dem Territorium der Stadt Zürich sowie aus dem Luftverkehr – verursacht durch die Stadtbevölkerung.  

Berechnung von Netto-Null

Welche Emissionen werden bei der Berechnung von Netto-Null-Szenarien berücksichtigt? In der Regel fliessen die sogenannten direkten energiebedingten sowie die indirekten energiebedingten Emissionen in Netto-Null-Szenarien ein. Die indirekten sind die Emissionen der in die Energienutzung involvierten Vorketten. Energiebedingte Emissionen auf Gemeindegebiet entstehen primär im Gebäudesektor, in der Mobilität sowie in der Industrie. Bisweilen werden auch weitere Emissionen, wie etwa die grauen Emissionen vom Bau von Gebäuden oder Infrastrukturen und die Emissionen durch den Konsum der Bevölkerung – die indirekten nicht energiebedingten Emissionen –, einbezogen.

Am grössten ist der Einfluss einer Gemeinde oder Stadt auf die Entwicklung der energiebedingten Emissionen. Die weiteren Emissionen, wie etwa die sehr bedeutenden konsumbedingten Emissionen, sind durch Massnahmen auf Gemeindeebene nur beschränkt beeinflussbar. Ein Netto-Null-Ziel, das auch die indirekten nicht energiebedingten Emissionen auf Gemeindegebiet beinhaltet, ist entsprechend schwierig zu erreichen.

Es wurden vier Szenarien definiert: 

  • Drei Szenarien rechnen mit einer maximalen Reduktion der energiebedingten Emissionen auf dem Gebiet der Stadt Zürich bis 2050 (SNN 2050), 2040 (SNN 2040) sowie 2030 (SNN 2030). In diesen drei Szenarien werden die direkten Emissionen auf null beziehungsweise soweit reduziert, wie dies im Rahmen des geltenden Demokratie- und Rechtssystems möglich ist. Eine maximal mögliche Senkung soll dabei auch für die indirekten Emissionen aus den Vorketten der Energienutzung erfolgen, so dass – unter Berücksichtigung verfügbarer natürlicher Kohlenstoffspeicher (Senkenpotenziale von 0,5 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Kopf bis 2050) – eine Reduktion der energiebedingten Emissionen in der Stadt Zürich auf netto null möglich ist.

  • Das vierte Szenario rechnet mit einer ambitionierten Reduktion der gesamten in dieser Analyse quantifizierten Emissionen im Zeitraum zwischen 2020 und 2050.  

Im Folgenden geht es um die energiebedingten Emissionen auf Stadtgebiet, also um die Szenarien SNN 2030, 2040 und 2050.

Bei Gebäuden und im Verkehr ansetzen

Schlüsselmassnahmen, welche die Stadt Zürich schnell und umfassend umsetzen muss, wenn sie ein ambitioniertes Klimaziel erreichen will, finden sich im Gebäudebereich und im Stadtverkehr.

Schlüsselmassnahmen im Gebäudebereich: 

  • Ausbau thermischer Netze wie Fernwärme, Stilllegung Gasverteilnetze

  • Verbindliche städtische Anforderungen bei Öl- und Gasheizungsersatz

  • Wo immer möglich Forderung von Photovoltaik (PV) 

  • Finanzielle Förderung von Heizungsersatz, Gebäudesanierung und PV

  • Beratung und Information für Liegenschaftsbesitzende 

  • Rasche Umsetzung der Netto-Null-Zielsetzung bei Gebäuden im Verwaltungs- und Finanzvermögen 

Schlüsselmassnahmen im Stadtverkehr:

  • Ausbau der Fussgänger- und Veloverkehrsinfrastruktur und des öffentlichen Verkehrs 

  • Parkraumbewirtschaftung: Gebühren, Reduktion der Anzahl, Einschränkungen für herkömmlich betriebene Fahrzeuge 

  • Günstige Rahmenbedingungen für private E-Ladestationen

  • Erstellung von öffentlichen E-Ladestationen

  • Rasche Erneuerung der stadteigenen Fahrzeugflotte mit fossilfrei betriebenen Fahrzeugen 

Wie sehen Reduktionspfade aus?

Geht man davon aus, dass die Klimaschutzpolitik auf Bundes- und Kantonsebene im Zeitverlauf 2020 bis 2050 stetig intensiviert wird und die Stadt Zürich die Schlüsselmassnahmen frühzeitig und umfassend umsetzt, ist eine Reduktion auf null direkte energiebedingte Treibhausgas-Emissionen auf Stadtgebiet bis 2050 machbar. Es verbleiben dann weniger als 0,3 Tonnen CO2-Äquivalente pro Person aus den Vorketten im Zusammenhang mit dem Verbrauch von Strom sowie biogenen und synthetischen Brenn- und Treibstoffen. Bei noch mehr städtischen Anstrengungen könnten die Emissionen auch bis 2040 (SNN 2040) fast auf null gesenkt werden. Eine ähnlich starke Reduktion bis 2030 scheint unter Berücksichtigung des heutigen Demokratie- und Rechtssystems aber nicht machbar.

Notwendige Investitionen

Für die beiden Bereiche Gebäude und Stadtverkehr, die weitaus am meisten energiebedingte Emissionen auf Stadtgebiet verursachen, wurden die notwendigen Mehrinvestitionen geschätzt. Diese umfassen Ausgaben, welche zusätzlich zum Szenario «Weiter wie bisher» in den Bereichen Gebäude und Stadtverkehr getätigt werden müssten.

Im Szenario SNN 2050 betragen die bis 2050 zu tätigenden Mehrinvestitionen insgesamt knapp 14 Milliarden Franken. Im jährlichen Durchschnitt sind das rund 510 Millionen Franken – unter Berücksichtigung einer Vorlaufzeit von drei Jahren für das Inkrafttreten tiefgreifender politischer Massnahmen. Im Szenario SNN 2040 liegen die Investitionen jährlich durchschnittlich bei 590 Millionen und im Szenario SNN 2030 bei 960 Millionen Franken. Bei letzteren beiden liegen die jährlichen Mehrinvestitionen höher als im Szenario SNN 2050 und summieren sich bis 2040 auf insgesamt 10 Milliarden respektive bis 2030 auf 7 Milliarden Franken (2024 bis 2030).

Erkenntnisse für den Netto-Null-Weg

Aus den Analysen für die Stadt Zürich lassen sich einige Erkenntnisse ableiten: 

  • Das Netto-Null-Ziel für die energiebedingten Treibhausgas-Emissionen bis 2050 und allenfalls 2040 ist eine riesige Herausforderung, ist aber – den politischen Willen vorausgesetzt – erreichbar. Weniger realistisch und effizient scheint dagegen die Zielerreichung bis 2030.

  • Der entsprechende Handlungsspielraum auf kommunaler Ebene ist weitgehend vorhanden – vor allem im Bereich der direkten energiebedingten Emissionen.

  • Hohe Investitionen, insbesondere in den Gebäudepark, sind notwendig. Deren Wirtschaftlichkeit ist aus volkswirtschaftlicher Sicht aufgrund der Energie- und Klimakosteneinsparungen gegeben.

  • Die Wirkungen auf die verschiedenen Einkommensklassen sind abhängig vom Massnahmenmix. Eine sozialverträgliche Ausgestaltung ist möglich, wenn zum Beispiel die CO2-Abgabe mit Rückverteilung an die Haushalte ausgebaut wird.

  • Der Wandel ist mit grossen Chancen für die lokale und regionale Wirtschaft verbunden, indem Ausgaben für den Import von fossilen Energien durch inländische, regionale und lokale Wertschöpfung substituiert werden können.

Die indirekten Emissionen – vor allem im Konsumbereich – sind eine noch grössere Herausforderung. Hier sind Vorschriften, finanzielle Anreize und Sensibilisierungsmassnahmen auf übergeordneter, nationaler und internationaler Ebene unumgänglich, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen.

Der Artikel ist im «Thema Umwelt» 1/2022 erschienen.
Titelbild: Zürich Tourismus


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